Warum sind Sie mehr wert?

Z Ich arbeite seit 2007 als gelernte Diplom-Sozialwissenschaftlerin und Erzieherin beim Pflegekinderdienst der Stadt. Wir suchen in aufwendigen Bewerbungsverfahren neue Pflegeeltern für Kinder, die in ihrem Familien bspw. häusliche Gewalt erlebt haben oder deren Eltern sie zur Adoption freigeben. Zudem begleiten wir die Kinder auch in den Familien, führen Krisengespräche. Man trägt die Verantwortung, dass nichts passiert. Wir haben extrem viele Fälle zu bearbeiten, pro Fachkraft rund 30 bis 40, kommen manchmal kaum hinterher. Ich mache viele Überstunden, habe Rufbereitschaft nach Dienstschluss, aber ich mache es gerne. Es gibt immer weniger Familien, die gewillt und geeignet sind, Kinder aufzunehmen.“

Z Als Diplom-Sozialarbeiterin bei der Amtsvormundschaft bin ich seit 1994 für die gesetzliche Vertretung von Minderjährigen bis zur Volljährigkeit zuständig. Wir springen ein, wenn der Sorgeberechtigte ausfällt, etwa beim Tod der Eltern oder auch bei Flüchtlingen. Dabei übernehmen wir die Aufgaben normaler Eltern, mit allen Sorgen und Nöten – sei es in der Schule, bei Alltagswünschen oder auch Schwangerschaften. Hier baut man starke Bindungen auf. Jeder von uns betreut offiziell rund 50 Mündel, die er mindestens einmal im Monat sehen soll, was nicht immer einfach zu leisten ist. Ich wünsche mir mehr Kollegen, die uns unterstützen, da wir auch immer mehr mit rechtlichen Dingen und Schreibkram zu tun haben.“

Z Seit 2003 arbeite ich in Mülheim als Sozialarbeiterin und leite seit 2008 das Jugendzentrum Café Fox. Pro Tag betreuen wir rund 100 Kinder und Jugendliche. Wir trinken dort aber nicht nur Kaffee und kickern. Was wir können müssen, ist eine gemischte Tüte – Seelentröster, Reisebegleiter, Teamleiter, Geschäftsführer, Ausbilder für junge Kollegen und vieles mehr. Die Arbeit ist schön, weil die Kinder freiwillig kommen. Aber hinter der Fassade gibt es auch viele, die einen Rücksack an Problemen mit sich tragen – etwa in der Schule oder mit den Eltern. Wir bauen zu den jungen Leuten eine Beziehung auf, vermitteln Schlüsselkompetenzen. Mehr Personal würde helfen, sich intensiver um den Einzelnen kümmern zu können.“

Z Ich arbeite seit 1997 in der Koordination der Jugendhilfe. Wir rücken zu Hausbesuchen aus, wenn es um die Gefährdung des Kindeswohls geht, bspw. durch Gewalt in der Familie. Bei einer Kinderschutzmeldung müssen wir sofort raus, daher weiß man nie, wie ein Tag aussieht. Wir übernehmen vor Ort die Gefährdungseinschätzung. Ich spüre daher meine große Verantwortung. Was wir alles an Problemen aufhalten, das misst keiner. Der Job ist nicht mehr derselbe wie vor zehn Jahren. Bei unseren Hausbesuchen haben z.B. die Beschimpfungen und Bedrohungen zugenommen. Zudem müssen wir viel dokumentieren, mehr Schreibkram bewältigen. Zusätzliche Stellen für Verwaltungsaufgaben sind dringend nötig.“

Z Ich arbeite seit 1997 bei der Stadt, seit 2003 in der Seniorenberatung, zu der inzwischen auch die Wohnberatung hinzugekommen ist – bei gleichzeitig schrumpfendem Personal. Wir bieten kostenlose Beratung für alle über 60 Jahre und deren Angehörige. Bei der Freizeitgestaltung, der Suche nach Wohnraum, dem Beantragen der Pflegestufe. Bei älteren Menschen, die noch fit sind, ist der Job sehr angenehm. Aber auch Demenz und andere Alterserkrankungen fallen in unser Aufgabengebiet. Auch beim „Netzwerk der Generationen“ wirken wir mit, ein Projekt für Ehrenamtler. Ich wünsche mir eine Gleichstellung mit anderen Berufsgruppen, da unsere Aufgaben durch den demografischen Wandel immer zahlreicher werden.“

Z Ich bin Diplom-Sozialarbeiterin und in der Behindertenkoordination tätig, arbeite seit über 20 Jahren in der Verwaltung. Meine Aufgabe ist die barrierefreie Gestaltung der Stadt. Etwa durch die allgemeine Beratung von Menschen mit Behinderung und die Zusammenarbeit mit Behindertenvereinen. Zudem prüfe ich Bauvorhaben auf ihre Barrierefreiheit. Es ist eine tolle Stelle, weil sie ein bisschen fernab der Schusslinie und dem Stress einiger Kollegen ist. Allerdings werden die Aufgaben auch immer mehr. Mal eben Netzwerke knüpfen und Ehrenamtliche finden – das ist utopisch. Ich würde heute nicht mehr in der Sozialarbeit anfangen, dazu haben sich die Arbeitsbedingungen zu sehr verschlechtert.“

Z Seit 2011 arbeite ich koordinativ bei der Jugendhilfe im Strafverfahren. Wir begleiten Menschen von 14 bis 20 Jahren in Strafprozessen. Dazu gehören Jugendliche, die leichte und mittelschwere Vergehen begangen haben, ebenso, wie Systemsprenger und Intensivtäter. Wir analysieren in Gesprächen, wie es zur Straffälligkeit kommen konnte und geben bei Gericht Haftentscheidungshilfe durch unsere Einschätzung. Muss ein Jugendlicher in Haft, begleiten wir ihn auch dort. Der Umgang mit einigen, die bereits mit dem System abgeschlossen haben, ist sehr schwierig. Hier führt der Kostendruck dazu, dass man sich nicht immer die nötige Zeit nehmen kann, um mit ihnen zu sprechen. Sie haben eben keine Lobby.“

Z Seit über 20 Jahren arbeite ich bei der Stadt, bin vor einigen Monaten in den Sozialdienst für ausländische Flüchtlinge zurückgekehrt. Ich bin an der Gustavstraße im Einsatz, wo rund 200 Flüchtlinge in Wohnungen untergebracht sind. Wir sind für die Beratung und Betreuung vor Ort zuständig, helfen bei der Integration, sorgen dafür, dass Kinder in Kita und Schule gehen und bringen ehrenamtliche Helfer und Flüchtlinge zusammen. Allen gerecht zu werden, ist jedoch schwer. Besonders bei der Zahl der Flüchtlinge, die wöchentlich steigt. Hier sind auch die Sprachanforderungen gestiegen. Um mehr zu verdienen, müsste ich in einen anderen Bereich wechseln, etwa eine leitende Funktion übernehmen.“