Warum das Theater an der Ruhr wieder "Kaspar" spielt
21.10.2009 | 07:31 Uhr 2009-10-21T07:31:00+0200
Mülheim. Man könnte Kaspar fast einen Evergreen nennen, wenn dies nur nicht so nach leichter Unterhaltung klingen würde: Warum das Theater an der Ruhr immer wieder die Inszenierung des Handke-Stücks spielt und damit demnächst auch in Tunesien zu sehen sein wird.
Man könnte Kaspar fast einen Evergreen nennen, wenn dies nur nicht so nach leichter Unterhaltung klingen würde. Und als solche kann man die eindrucksvolle Inszenierung wahrlich nicht bezeichnen. Neben Woody Allens Gott und Brechts Dreigroschenoper ist das Stück von Peter Handke eine Arbeit aus den Anfangsjahren des Theaters an der Ruhr und wird mit Regelmäßigkeit wieder in den Spielplan aufgenommen.
Und weil die Inszenierung von 1987 so erfolgreich war und Modellcharakter besitzt, blieb sie seitdem im Gegensatz zu den beiden anderen Stücken, die modifiziert wurden, unverändert.
Die zweite Wiederaufnahme
Wenn das Theater auf Reisen nach Asien, Mittelmamerika oder Nordafrika aufbricht, ist die Erfolgsinszenierung stets im Gepäck mit dabei. Das ist auch so, wenn das Theater am 12. und 13. November im Nationaltheater in Tunesiens Hauptstadt gastiert. Das Stück, das von 1987 bis 1993 und von 1999 bis 2004 weit über hundert Mal gespielt wurden, erlebt jetzt die zweite Wiederaufnahme.
Anekdoten rund um das Stück
Neben Hauptdarstellerin Maria Neumann, die damals ihre erste Rolle bei Roberto Ciulli spielte, ist von der Urbesetzung auch noch Volker Roos dabei. Gemeinsam mit den drei künstlerischen Leitern erzählten sie jetzt von Skandalen, Hintergründen, Anekdoten rund um das Stück:
- Wie man in Ecuador direkt auf einem heiligen Berg die Götter der Inkas erzürnt hatte, die die Szene in dichten Nebel tauchten, so dass Fackeln benötigt wurden und pünktlich zum Schlussmonolog besänftigt waren und klare Sicht gaben.
- Wie die kurze Nacktszene in arabischen Ländern mit kurzer Dunkelheit kaschiert wurde.
- Wie man in Bagdad einen iranischen Helfer aus dem Knast holen musste, weil er auf Wunsch von Graf Edzard Habben für das Bühnenbild einen Baum gefällt hatte.
- Wie in Ludwigshafen 600 der 1000 Besucher das Theater verließen (Ciulli:„Ich denke, das war ein Rekord”) und Maria Neumann noch glaubte, sie spiele so schlecht.
Dabei nannte die FAZ ihr Spiel „großartig genau und konzentriert” und die Frankfurter Rundschau adelte Kaspar sogar „zum wenigen Faszinierenden, was auf dem Theater der Republik zur Zeit geboten wird.”
Das 1968 von Handke geschriebene Stück mit dem Untertitel „Eine Sprachfolter” nimmt den historischen Fall des im Wald gefundenen Kaspar Hauser auf und erzählt den gewaltsam erzwungenen Prozess seiner Zivisilierung, die in der Zerstörung der Identität münden muss. Diese Sackgasse symbolisieren schon die an einem Steinhaufen endenden Schienen auf der Bühne.
Ein Leben aus zweiter Hand
Drei Einsager, die bei Handke noch wie Regisseure vom Publikum aus dem Findelkind Sätze, Grammatik und damit vermeintlich auch Kultur eintrichtern, betreten bei Ciulli die Bühne. Ganz in Schwarz gekleidet, werden sie auch brutal. Am Ende gleicht die Frau dem Abbild der Puppe, die das Vorbild gab: Ein Leben aus zweiter Hand. Eindrucksvoll gerät der Widerstand gegen diese Züchtigung: „Ich möcht ein solcher werden wie einmal ein anderer gewesen ist”, jenen historisch verbürgten, leicht variierten Satz Hausers wiederholt Neumann oft - stammelnd, flehend, flüsternd, anklagend und verzweifelt. Es ist jener Satz, der die Pfälzer vor die Tür trieb. Kindheit, Identität und Sprache sind die Themen, die Maria Neumann seitdem beschäftigen und sie spürt die Differenz zu damals und wie sie mit dem Stück gealtert ist.
Das Radikale indes ist der zweite Teil. Bis auf einen kurzen Monolog wurde der Text komplett gestrichen und durch 40 quälende, stumme Minuten mit Pantomime und zerdehnten Bewegungen ersetzt. Kaspar, zur Ikone stilisiert, verweigert die Sprache, die anderen haben sie verloren. Alle warten auf den erlösenden Satz des Angebetenen. Vergeblich hatte das Ensemble Varianten versucht, um für den zweiten Textteil eine Form zu finden. Das wäre nur eine Wiederholung geworden. Als Co-Autor geht Ciulli so deutlich weiter als Handke.

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