Warmlaufen für die OB-Wahl

Souverän, nervenstark und sachkundig. Diese drei Eigenschaften lassen sich nach dem gestrigen Duell zwischen Werner Oesterwind (CDU) und Claus Schindler (SPD) an der Karl-Ziegler-Schule den vier Moderatoren zuschreiben. Wie die Jugendlichen durch das über einstündige Gespräch führten, war durchaus fernsehreif. Dass Wissen setzt auch eine intensive Zeitungslektüre voraus. Einziger Patzer: bei der Frage nach der Zukunft des Kaufhofs gingen die Schüler davon aus, dass dort unter anderem ein Altenheim entstehen soll. Oder wollten sie den Politikern nur eine Falle stellen? Oesterwind und Schindler bemerkten den Irrtum und korrigierten in Seniorenwohnungen. Zehn Fragen stellten die Schüler, gaben den Lokalpolitikern fünf Halbsätze vor, die sie vollenden sollten, vier Stichworte, zu denen sie einige Sätze sagen mussten und schließlich der Joker: Die gute Fee, die ihnen drei Wünsche erfüllen könnte. Doch an diesen Wünschen hätte die Fee sicherlich ratlos mit den Schultern gezuckt. Eine liebens- und lebenswerte Stadt, was heißt das schon? Und damit sie nicht zu lange sprechen, lief vorne sichtbar die Uhr und zehn Sekunden vor der Minute, die ihnen bei den meisten Fragen zur Beantwortung blieb, ging mahnend eine Filmklappe hoch, die nur in Ausnahmefällen zuschnappen musste.

„Absolut spannend“

Die Schüler haben sich natürlich gefreut, dass Werner Oesterwind, gerade eine Woche nach seiner öffentlichen Nominierung als OB-Kandidat der CDU, bei ihnen aufgetreten ist und damit seinen ersten Auftritt in neuer Rolle hatte. „Absolut spannend“ fand er das wieder unter dem Titel „High Noon“ laufende Duell. Erstaunlich waren für ihn die Fragen und Kenntnisse der Jugendlichen. „Solche Jugendliche brauchen wir in unserem Jugendstadtrat“, sagte er hinter her und warb auch während der Diskussion für dieses Gremium. Schindler, der Fraktionsgeschäftsführer der SPD und somit auch politisch hauptamtlich tätig, ist nur als „Ausputzer“ in den Ring gestiegen, weil die SPD noch keinen eigenen Kandidaten nominiert hat.

Die Schüler ihrerseits hätten sich allerdings schon ein schärferes Profil der einzelnen Kandidaten und schon ein bisschen Streit gewünscht. „Wir haben extra provokative Fragen gestellt“, sagt Nils Wolff. Da es beim OB-Wahlkampf im Herbst viel personalisierter zugeht, als bei einer Kommunalwahl, haben sich die Schüler auf die Kandidaten der beiden großen Parteien beschränkt. Aber dem direkten Schlagabtausch steht natürlich das Format entgegen. Das ist auch den Schüler klar geworden. „Beide sind ziemlich geübt und haben sich schnell in Floskeln geflüchtet“, hat Lena Weber beobachtet. „Versuchen Sie mal in nur einer Minute zu einer Frage eine Antwort zu geben und sich dabei noch vom ihrem Kontrahenten zu unterscheiden“, sagt Schindler, den die langanhaltende Konzentration der Schüler beeindruckt hat. Immerhin war es ein wohlwollendes Publikum, das nach fast jeder Frage Applaus spendete. Wenn Schüler nach der Grundsteuer B fragen, ist das schon frappierend. Aber gerade das ist ein Thema, bei dem zwischen CDU und SPD, die sonst bei vielen Themen nahe beieinander liegen, keine Einigkeit herrscht. Erst in letzter Minute konnten sich beide Fraktionen auf einen Kompromiss einigen und so im Dezember den Stadt-Etat für 2015 beschließen. Aber Oesterwind macht den Unterschied nicht klar. „Da habe ich mich auch gewundert“, sagt Schindler nach dem Duell. Und er selbst versäumt es, beim Thema Nahverkehr den Unterschied deutlich zu machen. Oesterwind deutet immerhin den Systemwechsel an. Und hätte Schindler noch 15 Sekunden mehr gehabt, der von der SPD geplante Ratsbürgerentscheid wäre auch zur Sprache gekommen.

„Chantal statt Chanel“

Verkehrsführung, Freizeit (wenig für Jugendliche) und Innenstadt waren Themen: „Chantal statt Chanel“, kritisierte Nils Wolff. Die Politiker erwiderten, dass die Politik nur den Rahmen vorgeben könnte. Der größte Unterschied zwischen Oesterwind und Schindler zeigte sich bei den politischen Idolen: Adenauer sagte der eine, Brandt der andere.