Volle Kinderstube im Mülheimer Wildgehege Witthausbusch

Ganz zutraulich sind die kleinen Ziegen-Zöglinge zu  Gabriele Schulten. Die Tierpflegerin zieht die Kleinen mit der Flasche auf.
Ganz zutraulich sind die kleinen Ziegen-Zöglinge zu Gabriele Schulten. Die Tierpflegerin zieht die Kleinen mit der Flasche auf.
Foto: WAZ FotoPool
Was wir bereits wissen
Im Mülheimer Wildgehege Witthausbusch ist der Frühling nah. Im Arche-Park sind die ersten Nachkömmlinge da - in teils merkwürdigen Konstellationen.

Mülheim.. Brille, sportlich durchgesträhnter Kurzhaarschnitt, warme Allwetterjacke und festes Schuhwerk. Gabriele Schulten lacht: „Na schicke Sachen, werden hier angeknabbert.“ Wenn die Mülheimerin morgens aus dem Fenster ihrer Wohnung blickt, schaut sie direkt auf ihren Arbeitsplatz - dem Archepark im Wildgehege Witthausbusch. Denn dieser ist nur fünf Schritte bis zum Tor entfernt.

Etwas ungeduldig schnuppernd steht schon eine kleine Ziege am Eingang und streckt erwartend ihr Mäulchen durch die Gitterstäbe des Tores. Und als Gabriele Schulten ins Gehege geht, ist kein Halten mehr. Das Zicklein will auf den Arm. Unbedingt. Und die 51-jährige Landwirtin tut dies gern: „Sie ist ja auch mein Ziehkind“, sagt sie. Mit der Flasche muss das kleinste des Drillingsnachwuchses aufgepäppelt werden. Die Mutter, die ebenfalls schon von der herzlichen Frau aufgezogen wurde, hat nicht genug Milch. „Drillinge sind ja auch ungewöhnlich“, weiß Schulten. Aber den Tieren scheine es im Archepark so gut zu gehen, dass man dies im Nachwuchserfolg sehe.

Haustierrassen erhalten

Das Gehege ist voll von Ziegen, Enten, Gänsen, Schafen, Hasen, Meerschweinchen und Mäusen. 30 Jahre kümmert sich die Tierpflegerin nun schon um den Erhalt der einzelnen Haustierrassen, von der weißgehörnten Heidschnucke bis zu den Thüringer Waldziegen. Dafür gab es im vergangenen Jahr auch das Qualitätssiegel vom Verein Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen (GEH).

24 Stunden, sieben Tage die Woche ist sie manchmal im Einsatz für die gute Sache. „Vor allem wenn Lämmer auf die Welt kommen. Dann muss man auch nachts zu den Stallungen und nach dem Rechten gucken“, weiß sie nur zu gut. Denn gerade nachts kündigt sich nicht selten eine Geburt an.

Kein Streichelzoo

Und während sie so erzählt, hören im Hindergrund Schafe aufmerksam zu. Oder beobachten sie das Treiben? „Sie schützen ihren Nachwuchs. Dann prüfen sie schon mal, wer im Gehege ist“, erklärt Schulten. Doch dann, wie aus dem Nichts, setzen sich alle Paarhufer eilig in Bewegung und galoppieren förmlich Richtung Zaun. Besucher erwarten die gierige Meute schon mit prall gefüllten Futtertüten.

Jeden morgen füllt Gabriele Schulten, auch Gabi genannt, den Futtervorrat mit ihren Kollegen auf. Wer ihre Kollegen sind? Da gibt es Wolfgang Schmidt, der nun auch schon fast 30 Jahre dabei ist oder auch Gioseppe Jeannotta, der immer einen gutgelaunten Spruch auf den Lippen hat. Gerade misten beide die Stallungen aus. Arbeit, die sie lieben. Genau wie Gabriele Schulten. Die strahlt übers ganze Gesicht, wenn sie an ihren Job denkt. „Ich bin Tierpflegerin, Ärztin, Lämmermama und Hebamme in einem“, erklärt sie, als sie ihre Aufgaben beschreiben soll. Die Arbeit an der frischen Luft hat sie jung und lebensfroh gehalten.

Vom Aussterben bedrohte Rassen

Wie die Jungfrau zum Kinde ist sie zu ihrem abwechslungsreichen Job bei Wind und Wetter nicht gekommen. „Ich hatte mich damals bewusst hier in Mülheim beworben.“ Studierte sie erst erfolgreich Landwirtschaft, erkannte sie doch recht schnell: „In der Branche ist nicht viel zu holen und nur wenige schaffen es, sich über Wasser zu halten“. Und Büroarbeit kam für sie nicht in Frage.

Die Arche ist allerdings kein Streichelzoo wie viele Besucher hinlänglich meinen. Zwar darf am Zaun gefüttert und auch angefasst werden, wenn die Tiere zu ihnen kommen. Aber ins Gehege geht es nicht. „Bei so vielen Besuchern… Das stresst die Tiere.“ Auf der Fläche von zirka 3000 Quadratmeter gibt es aber auch ohne Tuchfühlung viel zu entdecken. Infoschilder klären über die einzelnen Rassen auf. Die Tiere, die in der Arche leben, sind allesamt in ihrer Art vom Aussterben bedroht. „So ist unser Konzept aufgebaut. Und so verlangen es auch die Vereinsstatuten.“

Unterstützung von Tierpaten

Bei der Aufzucht geschehen manchmal ungewöhnliche Konstellationen. Dabei erinnert sich die 51-Jährige vor allem an ihren kleinen Bantam-Hahn, der auf ungewöhnliche Weise ausgebrütet wurde. Durch eine Taube. Nur durch Zufall hat sie den kleinen, kessen Nestflüchter in der Baumkrone auf dem einzigen Baum im Gehege entdeckt und aus luftiger Höhe zu sich ins Gehege genommen. Und während sie den Hahn zur Ansicht auf ihre Schulter setzt, stellt sie fest: „Na groß ist er ja nicht“ Aber das habe die Rasse nun mal an sich.

Immer halten Gabriele Schulten und ihre Kollegen Augen und Ohren offen. Denn zu tun gibt es viel. „Die Arche muss ständig erneuert werden“. Umso mehr freuen sich alle Angestellten dort über jede Unterstützung von Tierpaten, Sponsoren und Spendern. Ob Sach- oder Geldspende: „Wir sind dringend auf das Wohlwollen unserer Unterstützer angewiesen“ Ein Teil der Erneuerungen finanziert sich auch über die Aufzucht der seltenen Arten, die dann an andere Vereine oder Landwirte weitergegeben werden.

Hier noch ein Tipp für alle Leckermäulchen: Wer selbstgemachte Waffeln in Mülheim probieren möchte, „sollte zu uns kommen“. Denn im Außenkiosk mit Holzsitzbänken backt die Verkäuferin jeden Tag frische Waffeln, so viel das Herz begehrt. „Manche Besucher kommen sogar nur deshalb hierher.“