Viele Schul-Referendare in NRW stehen kurz vor Hartz IV

Christina Mühlig ist derzeit an einer Gesamtschule in Essen-Holsterhausen beschäftigt. Ihre berufliche Zukunft ist ungewiss, weil nur Referendare mit Mangelfächern wie Mathe und Physik gute Chancen auf eine rasche Einstellung haben.
Christina Mühlig ist derzeit an einer Gesamtschule in Essen-Holsterhausen beschäftigt. Ihre berufliche Zukunft ist ungewiss, weil nur Referendare mit Mangelfächern wie Mathe und Physik gute Chancen auf eine rasche Einstellung haben.
Foto: Alexandra Roth
Christina Mühlig schließt Ende April – wie rund 3800 angehende Lehrer in Nordrhein-Westfalen – ihr Referendariat ab. Die Schüler ihrer achten Klasse würden die Mülheimerin am liebsten behalten, doch die Zukunft sieht erst mal anders aus: „Seit Januar renne ich zum Amt, um Hartz IV zu beantragen.“

Mülheim/Essen.. Dass qualifizierte Lehrer für Gesamtschulen und Gymnasien es dieses Jahr besonders schwer haben, ist, so Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes NRW, „einer Verkettung unglücklicher Umstände geschuldet“.

In diesem Jahr werden erstmalig zwei Referendariats-Jahrgänge zeitgleich fertig – die mit der verkürzten Ausbildungszeit von 18 Monaten und der Jahrgang mit der damals regulären 24-monatigen. Die doppelten Abiturjahrgänge verschärfen die Situation noch. „Es gibt dieses Jahr relativ wenige Einstellungen, nur rund 600. Das ist bitter für die jungen Leute“, sagt Silbernagel.

Kaum Chancen für Gymnasiallehrer

Das Problem: Lehrerstellen hängen von der Zahl der Schüler ab, und die werden durch den doppelten Abijahrgang zwangsläufig im nächsten Schuljahr sinken. Am Gymnasium hätten die Junglehrer im diesem Jahr kaum realistische Chancen, es sei denn, sie warten mit einem Mangelfach wie zum Beispiel Mathe und Physik auf, so Peter Silbernagel. Fächer, mit denen Christina Mühlig nicht dienen kann. Deutsch, Sozialwissenschaften und Pädagogik hat die Mutter einer sechsjährigen Tochter studiert.

„Es gibt auch kaum Vertretungsstellen – und wenn, dann werden sie oftmals von Studenten mit befristeten Verträgen belegt“, so Christina Mühlig. Anspruch auf Arbeitslosengeld I haben die Lehrer nicht, da sie im Referendariat auf Widerruf verbeamtet sind und damit nicht in die Arbeitslosenversicherung einzahlen.

Ministerium will in Einstellungsmöglichkeiten in Mangelfächern schaffen

Das Schulministerium weiß um die Situation der Referendare. In einer Mitteilung zur Situation der Lehrereinstellung an Gymnasien heißt es, dass es „zum Schuljahr 2013/14 an Gymnasien durch das Ausscheiden des doppelten Abiturjahrgangs landesweit zu einem starkem Bedarfsrückgang kommt, der nicht durch die entsprechende Pensionierungen ausgeglichen wird“. Es sollen aber laut einer Ministeriumssprecherin insbesondere Einstellungsmöglichkeiten für Lehrkräfte mit Mangelfächern geschaffen werden.

Die Gesamtschule Essen-Holsterhausen hätte Christina Mühlig gerne eingestellt. „Jetzt hoffe ich, dass ich nach den Sommerferien eine Anstellung finde – ein Zweitstudium kann ich mit Hartz IV nicht finanzieren.“