Unternehmen mit Strahlkraft

Auf der Rückseite der Visitenkarten der Geschäftsführer steht noch einmal alles in kyrillischer Schrift. Das ist kein Zufall. Denn schon vor der Wende hat die Kiess GmbH & Co. KG Russland als Markt entdeckt. Eine strategisch kluge Entscheidung. Denn viele der alten Industrieunternehmen, die früher im Revier Kunden bei Kiess waren, gibt es so nicht mehr. In Russland ist der Absatzmarkt aber besonders stark. „Dort gibt es immer noch Rost. Viel Rost“, lacht Tomas Kohut. Er und Heike Kieß, die Tochter des Firmengründers, sind die Geschäftsführer.

Sie verkaufen Strahlanlagen. Oberflächen werden, bevor sie beschichtet werden können, abgestrahlt. Zum Beispiel damit sich eben kein Rost absetzt. Ob die Mintarder Brücke, ein Schiffsrumpf oder ein Neubau - die Bandbreite der Oberflächen, die abgestrahlt werden, ist riesig. Und je nach Kunde liefert Kiess eine passende Anlage. Die kann in der Fläche variieren und reicht von drei mal drei Metern bis zu 50 mal 50. „Unser klassisches Modell ist mittelgroß, zehn mal fünf mal fünf Meter. Das kostet rund 250 000 Euro. Sechs Wochen dauert es bis so eine Anlage fertig aufgebaut ist“, berichtet Tomas Kohut. „Eine Anlage besteht zwar aus bestimmten Bausteinen. Die werden aber natürlich immer jeweils nach den individuellen Bedürfnissen des Kunden zusammengestellt.“ Das Besondere an dem Konzept von Kiess: Sie bieten einen Gesamtprodukt an. Von Kiess stammt das Konzept der Anlage, die Kiess-Mitarbeiter bauen sie auf. Das war schon das Erfolgsrezept der Firmengründung 1974. Karl-Heinz Kieß, vorher als Maschinenbauingenieur bei Mannesmann Demag tätig, war der Erste, der so eine Strahlanlage als Gesamtprodukt angeboten hat. Gestartet hat er in zwei Garagen an der Rosenblumendelle, heute sitzt die Firma mit einer großen Werkshalle im Heißener Gewerbegebiet.

Durch seine Tätigkeit vorher bei Mannesmann kannte Karl-Heinz Kieß gut die Industrie-Szene im Revier. Aus dieser Zeit resultieren Kooperationen mit Unternehmen, die bis heute bestehen. Denn die Einzelteile der Anlage produziert Kiess nicht selbst, sie stammen von Lieferanten. Bis zu 30 sind an einer Strahlanlage beteiligt. „Viele dieser Unternehmen waren früher im Bergbau tätig. Deswegen ist auch der Mülheimer Standort für uns wichtig, wegen der Nähe“, erläutert Heike Kieß.

Ein anderes Bekenntnis zum Standort: Von Anfang an gehört das Unternehmen nämlich auch zu den Kooperationspartnern der Hochschule Ruhr-West. „Wir sind gleich in den Förderverein eingetreten. Zwei Bachelorarbeiten sind schon bei uns entstanden. Eine dritte ist gerade fertig geworden, da ist heute die Prüfung“, berichtet die Geschäftsführerin. „Die Studenten sind in der Regel ein halbes Jahr bei uns im Unternehmen. Vorher wird mit ihnen und dem Professor abgesprochen, um welches Thema sie sich kümmern können.“ Und die Forschungsergebnisse können dann direkt im Unternehmen umgesetzt werden. Das letzte Beispiel: Ein Student hat untersucht, wie die Filteranlagen effektiver gestaltet werden können. Seit den 80er Jahren sind die Umweltschutzbedingungen, unter denen in den Strahlanlagen gearbeitet werden darf, immer wichtiger geworden. So wurden Filteranlagen Pflicht, um das Gesundheitsrisiko für die Mitarbeiter zu senken. Kiess hat diese Entwicklung vorangetrieben. Auch noch heute. So ist das Modell, das von dem Bachelor-Absolventen entwickelt worden ist, auch schon in Produktion gegangen.

Bei Kiess denkt man aber nicht nur an Studenten, auch Azubis sind Fachkräfte der Zukunft. „Aktuell bilden wir allerdings nur Industriekaufleute aus. Denn wir wollen, dass unsere Azubis auch übernommen werden können.“ Und auch ein anderer Aspekt ist Heike Kieß wichtig. Im Moment ist die Geschäftsführerin in der rund 30 Personen starken Belegschaft fast die einzige Frau. Sie hätte nichts dagegen, wenn sich das ändert. „Ich habe mich extra an unseren Stand beim Tag der offenen Tür der Hochschule gestellt, um Mut zu machen. Aber Frauen sind leider noch etwas zurückhaltend.“ Die nächste Generation in der eigenen Familie ist jedenfalls auch weiblich. Heike Kieß’ Tochter hat gerade das Studium begonnen.