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WAZ-Serie: Selbsthilfe

Überlebenshilfe

23.03.2009 | 17:01 Uhr

Frauen versuchen in der Gruppe, traumatische sexuelle Übergriffe zu verarbeiten, aus der Opfer-Rolle herauszufinden

Die passenden Worte zum Geburtstag: „Fünf Jahre Überlebenshilfe für Frauen, die sexuelle Übergriffe erfahren haben”. Traumatische sexuelle Erlebnisse hinter sich zu haben, das ist allen Frauen in der Selbsthilfegruppe gemeinsam. Schon die Symptome der Folgeerkrankungen ansatzweise zu beschreiben, ist schwer.

„So lange habe ich halbwegs normal gelebt. Ich funktionierte wie eine Maschine und habe gar nicht verstanden, warum so viele Dinge in meinem Leben nicht normal sind. Seid ich wieder weiß, was mir in meinem Leben angetan wurde, bin ich immer noch fassungslos angesichts des grenzenlosen Ausmaßes der Folgen dieser Übergriffe. Das geht bis ins kleinste Detail meines Lebens. Meine Seele ist trotz all' der Jahre, die vergangen sind, wund. Oft kämpfe ich immer noch nur ums Überleben.”

Hanni überkommt Trauer und Schmerz, während sie sich ihre Lebenssituation vergegenwärtigt. Tränen rollen über das Gesicht der hübschen, stillen Frau. Oft ist sie zu erschöpft, um gewöhnliche Besorgungen zu machen.

Einen Arbeitsalltag bewältigt sie nicht. Wenn Flashbacks kommen, Auslöser für fürchterliche Erinnerungen, geht tagelang gar nichts mehr, da ist nur Schmerz und Angst, der Wunsch, zu verschwinden. Hinzu kommt eine verständnislose Umwelt, die eine solche Schwäche kaum tolerieren kann. „Unsere Unfähigkeiten versteht kaum jemand. Wir sehen ja auch normal aus”, sagt Hanni.

Genauso unfassbar sind die Taten, die Hanni und die anderen Frauen der Gruppe erleben mussten. „Das glauben die anderen Menschen nicht. Das Unbegreifliche geht so weit, dass die Frauen sich manchmal selbst nicht glauben. Und Worte dafür treffen nicht den Kern dessen, was es uns heute so schwer macht, zu leben.” In der Gruppe ist das anders, so Hanni: „Da weiß ich, die Worte sind nicht oberflächlich. Jede hat erfahren, welches grenzenlose Ausmaß an Leid hinter den Worten liegt.”

Die Frauen glauben einander, sind achtsam und respektvoll, das ergibt sich aus den gemeinsamen Erfahrungen von selbst. Für viele der Frauen ist die Selbsthilfegruppe der einzige Ort, wo sie sich verstanden und angenommen fühlen. Hier kann Selbstakzeptanz reifen und Heilung der Wunden beginnen.

Info
Mülheim

Keine Jammergruppe

Sie seien keine „Jammergruppe”, sagen die Frauen. Sie meinen SELBST-Hilfe ernst. Jede will sich auf den Weg machen, mit Unterstützung durch die anderen. Die Gruppe trifft sich an einem Abend in der Woche. Kontakt vermittelt das Selbsthilfebüro Mülheim unter der Rufnummer 300 48 14.

Sie lernen gemeinsam, ihre Vergangenheit als Opfer zu akzeptieren, um heute daraus entkommen zu können. Sie lernen, wieder selbst aktiv zu sein und wehrhaft, wenn es nötig ist. Sie tauschen aus, was den anderen geholfen hat, zum Beispiel in Therapien oder im Umgang mit Flashbacks. Sie lernen, Grenzen zu setzen und sich und ihren Körper wieder besser wahr zu nehmen.

Seit Januar gehen Hanni und die anderen Frauen in der Selbsthilfegruppe diesen Weg seit fünf Jahren gemeinsam. Hanni gratuliert gefühlvoll: „Ich bedanke mich ganz herzlich bei Hildegard und bei den Frauen für die vielen gemeinsamen Schritte. Auch bei wenigen anderen Menschen, die zu uns gestanden haben.

Ich bin stolz darauf, dass wir uns nicht mehr dafür schämen, Opfer zu sein, dass wir uns zu sprechen trauen. Sexuelle Gewalt darf kein Tabu-Thema bleiben. Sie geschieht immer noch!”

WAZ-Redaktion Mülheim

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