Theater im alten Frauengefängnis

Das ehemalige Frauengefängnis an der Gerichtsstraße diente zeitweise auch als Abschiebeknast. Im Herbst wurden die Wände aufgehübscht.
Das ehemalige Frauengefängnis an der Gerichtsstraße diente zeitweise auch als Abschiebeknast. Im Herbst wurden die Wände aufgehübscht.
Foto: Fabian Strauch Photography / WAZ
Was wir bereits wissen
Adem Köstereli vom Theater an der Ruhr startet sein drittes Projekt mit Flüchtlingen. Arbeitstitel: Das Zimmer. Wichtig sind dabei die Begegnungen zwischen Akteuren und Publikum.

Mülheim.. Von der Chance, mit Flüchtlingen in Berührung zu kommen, sprach eine Mitstreiterin der WiM in dem Beitrag des Heute-Journals vor einigen Tagen über die vorbildliche Willkommenskultur in Mülheim. Genau so eine Chance bietet das Projekt des Theaters an der Ruhr.

Es ist das dritte von Adem Köstereli und ist wieder mit einem konkreten Ort verknüpft, der in der Vergangenheit in der Stadt eine Rolle in der Flüchtlingspolitik spielte. War es im vergangenen Jahr eine Flüchtlingsunterkunft an der Ruhrorter Straße, so steht in diesem Jahr das ehemalige Frauengefängnis an der Gerichtsstraße im Zentrum. Auch in dem Bau aus Wilhelminischer Zeit waren zeitweise Abschiebehäftlinge untergebracht. Inzwischen ist dort die Drogenberatung und das Café Light der AWO beheimatet.

Weitere Akteure gesucht

Damit ist es ein Ort, an dem schon immer die am Rand der Gesellschaft Stehenden beheimatet waren. Jetzt hat der 28-Jährige das Projekt gestartet. Mit dabei sind wieder der Sozialanthropologe Jonas Tinius, der derzeit in Cambridge an seiner Promotion arbeitet, sowie Wanja von Suntum, der im Vorjahr eine begehbare Rauminstallation entwickelt hat.

Mit dabei sind auch drei Flüchtlinge, die bereits im Projekt Ruhrorter mitgemacht haben. Weitere Akteure wird er in den Unterkünften gewinnen. Köstereli, der auch mit den Ehrenamtlern an der Gustavstraße in Styrum in Kontakt steht, geht davon aus, dass sich das Projekt in Flüchtlingskreisen rasch rumspricht. Er geht aber auch in Einrichtungen, um dafür aktiv zu werben. Köstereli ist türkischer Abstammung, aber in Mülheim 1986 geboren. Mit dem Theater an der Ruhr ist er seit über zehn Jahren verbunden und stand mit dem Jungen Theater auf der Bühne. Beruflich ist er aber nach einem Wirtschaftsstudium für einen Stahlkonzern tätig.

Existenzielle Sorgen und Ängste

Mit den jungen Menschen in Kontakt zu kommen, ist nicht so einfach. „Sie haben existenzielle Sorgen und Ängste. Viele müssen um ihre Anerkennung bangen“, erzählt er. Im vergangenen Jahr seien vier Teilnehmer während der Arbeit von der Stadt Oberhausen abgeschoben worden. Das Projekt bietet den Flüchtlingen aber auch Abstand von den Sorgen des Alltags. Sie können bei sich eine neue Seiten entdecken und diese auch öffentlich unter Beweis stellen und finden so Bestätigung.

Das neue Projekt ist zunächst ein Rechercheprojekt. Die Kernmannschaft will mit Richtern, Justizangestellten Sozialarbeitern und Beschäftigten mehr über den Ort erfahren. Irgendwann wird sich daraus ein Stück entwickeln. Interessante Hinweise hat ihnen bereits der Pädagoge Kurt Tinius gegeben. Der ehemalige Lehrer der Gustav-Heinemann-Gesamtschule hat sich schon mit seiner Schreibwerkstatt vor gut zehn Jahren mit diesem Ort befasst.

Das Interesse ist groß

„Der Prozess ist entscheidender als das Ergebnis“, sagt Sven Schlötcke, Mitglied der künstlerischen Leitung des Ensembles. Schon beim letzten Mal habe er immer wieder festgestellt, dass beim Publikum das Interesse groß sei, sich nach den Vorstellungen mit den Akteuren in lockerer Atmosphäre zu unterhalten und von ihnen und ihrem Leben etwas zu erfahren. Dafür soll es jetzt mehr Raum geben. Außerdem wird wieder eine Internetseite eingerichtet, auf der das Projekt und die Protagonisten vorgestellt werden. Auch die NRZ wird das Projekt begleiten und über die Situation der Teilnehmer berichten. „Das Zimmer“ heißt der Arbeitstitel des Projektes. Das ist etwas Existenzielles, ein Stück Heimat, etwas Privates, was jeder braucht. „Wir wollten bewusst weg von der Zelle und sehen die Stadt eher als ein gemeinsames Haus“, sagt der Projektleiter.

Für das Theater zählt ein solches Projekt zum Selbstverständnis. Man muss nur an das Roma-Theater Pralipe denken, das am Raffelberg ein gutes Jahrzehnt Unterschlupf gefunden hat, an die Reisen in ferne Länder als kultureller Türöffner und nicht zuletzt auch an die Herkunft des Theaterchefs Roberto Ciulli selbst und seine Vorstellung von der universellen Sprache des Theaters. Dass Flüchtlinge am Raffelberg freien Eintritt haben und mit ihnen auch gearbeitet wird, ist da nur konsequent. „Theater ist dazu da, dass die Menschen ihre Ängste verlieren“, sagt Ciulli. Die Akteure sind weder Opfer noch potenzielle Sozialfälle, sondern eine Bereicherung für die Gesellschaft.