Theater hinter Gittern

Auch beim dritten Teil der Ruhrorter-Trilogie, die am morgigen Freitag Premiere hat, spielt der Ort eine zentrale Rolle. Es ist das ehemalige Frauengefängnis an der Gerichtstraße, das seit einigen Jahren als Drogenhilfezentrum der Awo dient und zuvor lange Zeit leer stand. Zeitweise wurde es für die Abschiebehaft genutzt. Auf diese Geschichte nehmen die Installation und das Theaterstück, die Adem Köstereli und Wanja van Suntum mit Flüchtlingen für das Theater an der Ruhr erarbeitet haben, Bezug.

Beklemmende Atmosphäre

Besucher erwartet ein Abend in drei Teilen. In Form eines Prozessionstheaters werden sie verschieden inszenierte Orte in dem Gebäude erleben. Später zeigen fünf Schauspieler, die auch schon an der Installation mitgewirkt haben, die Improvisation „Und die Nacht meines Anfangs“ im Gefängnishof und schließlich klingt der Abend mit Gesprächen in zwangloser Atmosphäre aus, die den beiden künstlerischen Leitern sowie den Schauspielern genauso wichtig sind wie die Präsentation zuvor. Dann besteht auch die Möglichkeit, den Raum bei normaler Beleuchtung zu erleben.

Nach ein paar Schritten über den gefliesten Boden des Drogenhilfezentrums geht es in den finsteren Keller. Es ist ein beklemmendes Gefühl. Als Zuschauer fühlt man sich hilflos und der Situation ausgeliefert. Umrisse einer Gittertür werden sichtbar. Am Ende des Gangs ist eine geisterhaft wirkende Figur zu erkennen, die nur ein Leichenhemd trägt. Sie klopft an die Zellentüren, schaut ins Guckloch und leuchtet mit der Taschenlampe in die Zelle. Dann schreitet dieser Mann durch das Gitter vorbei in einen gekachelten Raum. Ihm nach. Von Kerzen beschienen trimmen sich hier zwei Frauen. Sie scheinen am Rande des Nervenzusammenbruchs. Eines der Fitnessgeräte verwandelt sich in einen Gynäkologenstuhl, die Frau schreit. Schnell weiter. Zwei Stationen weiter hat sich ein Mann im Kleiderschrank versteckt. Klar, er möchte der Abschiebung entgehen und hofft auf Wohlwollen. Und nebenan, da leuchten hundert bunte Lichter.

In einem weiteren Raum herrscht ein Stimmengewirr. Es lohnt sich, genau hinzuhören. Es sind Ausschnitte aus zahlreichen Interviews, die Wanja van Suntum geführt hat. An vielen Stellen hat er kleine Lautsprecher postiert. Ein Beamter, der damals Abschiebungen vornahm, erinnert sich, dass an jenen Tagen die Frauen immer frisch geduscht waren und lacht verlegen. Gewalt, so versichert er, habe niemand ausgeübt. Eine Frau, wohl die Anstaltsleiterin, schildert den Alltag, viele Kreativangebote hätte es gegeben, etwa Bauchtanz, wobei auch die Kleidung selbst genäht worden sei.

Professionelle Distanz

Eindrucksvoll ist der Bericht eines Mitarbeiters einer Ausländerbehörde. „Jeder, der hier arbeitet, verändert sich. In einem Jahr bist du ein anderer Mensch“, sagt er. Die Neuen würden das nicht glauben, aber irgendwann bemerken sie an sich auch diese Veränderungen. Wer professionell arbeiten wolle, brauche Distanz. „Ich kann nicht dein Problem zu meinem machen. Sonst kann ich den Job nicht machen.“ Das bedeutet aber nicht, dass man zynisch und emotionslos wird. Das Gesetz lasse Ermessensspielräume zu, aber positive Entscheidungen machen Arbeit. Er erzählt von einem Fall, in dem sich eine Frau mit ihrem Kind der geplanten Abschiebung entzogen hat, später aber dann doch wieder im Amt auftauchte. Dann half auch kein Ermessensspielraum.

Weiter gehts über eine schmale Treppe in den Hof. Verstecken ist auch im Spiel ein wichtiges Thema. Es geht aber auch um Trauer, Begehren, Kontakt, Wasser als Lebenselixier, die existenziellen Papiere und die Monotonie. Zwischendurch bricht Lebensfreude durch. Und natürlich die Zeit, „die mir im Kopf entsteht“, wie Sabrina Padderatz sagt, die schon das letzte Mal dabei war. Neben ihr spielen Reem el Attar, Marvin Jasarevic, Seyed Mansour Pourmohseni Shakib und Yogseh Gawas.