Theater braucht Politisierung

Zu „Cheers for Fears“ luden die Macher zur Diskussion mit Florian Malzacher und Bernd Stegemann ein. Moderiert wurde  das ganze von Matthias Frense (vorne) und Sebastian Brohn (hinten).
Zu „Cheers for Fears“ luden die Macher zur Diskussion mit Florian Malzacher und Bernd Stegemann ein. Moderiert wurde das ganze von Matthias Frense (vorne) und Sebastian Brohn (hinten).
Foto: FUNKE Foto Services
Renommierte Theaterkräfte diskutierten im Mülheimer Ringlokschuppen, wie Ensembles und freie Theatergruppen das anstellen können.

Mülheim.. Hat das zeitgenössische Theater noch ein politisches Potenzial? Wenn ja, sind eher die vergleichsweise herkömmlichen Theater mit ihrer Ensemblestruktur oder freie Theatergruppen in der Lage, diese Möglichkeiten auszuschöpfen? Auf diese Fragen versuchten im Ringlokschuppen zwei renommierte Theatermacher und -theoretiker Antworten zu finden, die jeweils tief in den beiden Traditionen verankert sind: Florian Malzacher und Bernd Stegemann.

Malzacher ist ein kompetenter Vertreter der „freien Szene“. Er leitet das Theaterfestival „Impulse“, war auch Dramaturg und Kurator beim renommierten „steirischen Herbst“ in Graz und ist wie Bernd Stegemann Autor theatertheoretischer Bücher. Als Professor für Theatergeschichte und Dramaturgie an der Hochschule „Ernst Busch“ und Dramaturg der Berliner „Schaubühne“ ist Stegemann dem herkömmlichen Theater kritisch-liebevoll verbunden. Eingeladen hatte die beiden das „Cheers for Fears Fest“, ein Treffen von Studierenden der szenischen Künste.

"Jedes Theater ist politisch"

Stegemann sah in einer deutlichen Politisierung eine Notwendigkeit, ohne die das Theater nicht überleben könne. Er ging zur These wie „Jedes Theater ist politisch“ ebenso auf Distanz wie zu vielen sich politisch verstehenden Produktionen der Achtziger- und Neunzigerjahre. „Man muss Theater als Raum begreifen, um Demokratie zu erforschen“, so seine erste Bedingung für ein politisches Theater. Aktuell solle Theater neoliberales Gedankengut thematisieren. „Das Theater muss mit seinem ästhetisch geschulten Blick die Wirklichkeit betrachten, die verborgenen Widersprüche aufdecken und sie auf der Bühne sichtbar machen.“ Im Zentrum steht für Stegemann die Arbeit und das „Handwerk“ des Schauspielers.

Zu 95 Prozent könne er dem zustimmen, kommentierte Florian Malzacher jene Thesen. Allerdings blieb bei ihm ein Misstrauen gegen die zentrale Figur des „Schauspielers“ und das „Handwerk“ des Theaters bestehen. Er bezweifelte, dass in diesem Prozess so etwas wie Wahrhaftigkeit oder politische Aufklärung entstehen könne. „Weiße mittelalte Männer spielen weiße mittelalte Männer“, attackierte er das klassische Theater. Dagegen setzte er freie, performative Formen und einen Blick in die internationale Theaterszene. Ausschließen wollten weder Stegemann noch Malzacher eine Zusammenarbeit von freien Gruppen und klassischen Ensembletheatern, wo immer es ästhetisch sinnvoll sei.

Ob und wie so etwas gelingen kann, lässt sich am 15. und 16. April im Ringlokschuppen erleben. Dann bringen Studierende der Berliner Hochschule „Ernst Busch“ und aus Gießen, der Hochburg der „freien Szene“, gemeinsam u.a. mit Rentnern, Flüchtlingen und Kindern das doku-fiktionale Tanztheater „Transformers“ auf die Bühne.

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