Tempo drosseln
20.06.2007 | 08:39 Uhr 2007-06-20T08:39:07+0200Eine Intensivierung der Förderung von Schülern braucht erhöhte personelle Ressourcen.Auslese und Sortierung von Zehnjährigen in Klasse 4 ist sehr fragwürdig. Lehrerberuf zu empfehlen
INTERVIEW MIT ANETTE GRUNWALD Lernstandserhebungen, Vergleichsarbeiten, Testverfahren - ist Schule auf einem guten Weg, was die Förderung von Kindern angeht?
Grunwald: Wiegen macht nicht fett - Druck motiviert wenig - Tempo bringt selten Erfolg. Eine Intensivierung von Förderung braucht erhöhte personelle Ressourcen, mit denen sich gute Konzepte zuverlässig umsetzen lassen.
Werden Kinder überfordert? Bleibt noch genügend Zeit zum Erholen und Spielen?
Grunwald: Kinder sind heute vielfach verplant oder gehen nicht immer sinnvollen Freizeitbeschäftigungen nach. In den daraus resultierenden Auswirkungen sehe ich eine Überforderung von Kindern.
Erreichen wir unter den aktuellen Bedingungen mehr Chancengleichheit?
Grunwald: Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben immer wieder, dass wir in Deutschland keine Weltmeister der Chancengleichheit in Schulen sind: Gegliedertes Schulsystem, Sitzenbleiberquoten.
Brauchen Schulen mehr Hausmeister, Sekretärinnen und Sozialarbeiter?
Grunwald: Schulen brauchen: Hausmeister an jedem Standort, zu den Zeiten, in denen Schule stattfindet. Eine Erhöhung der Sekretärinnenstunden, um die steigenden Verwaltungsarbeiten erledigen zu können. Sozialarbeiter, um den Anspruch an Schule, gesellschaftliche Defizite aufzufangen, zu versuchen.
Hat aus Ihrer Sicht die Grundschule in ihrer jetzigen Form noch Zukunft? Oder setzen auch Sie auf eine längere gemeinsame Lernphase bis zur Klasse 7?
Grunwald: Die GEW setzt sich für die Einheitsschule bis Klasse 9 oder 10 ein. Die Auslese und Sortierung von Zehnjährigen in Klasse 4 ist sehr fragwürdig. Die Gesamtschulen, in denen die Entscheidung über die Schullaufbahn hinausgeschoben wird, haben nach wie vor großen Zulauf.
Die Mülheimer Politik hat lange die Grundschulentwicklung diskutiert, mit Eltern, Lehrern und Kirchen. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Grunwald: Bei rückläufigen Schülerzahlen sind Maßnahmen im Rahmen der Schulentwicklung notwendig. Für jede Schule, die von Schließung oder Zusammenlegung betroffen ist, ist diese Entscheidung eine große Enttäuschung, für die betreffenden Kollegien bedeutet dies Veränderung und Herausforderung. Die GEW hat sich in der Diskussion um die Schulstandorte für die Stärkung der Gemeinschaftsschulen als Regelschulen eingesetzt und hält dies für eine geeignete Maßnahme, um der Segregation im Stadtteil entgegenzuwirken und mehr Chancengleichheit zu schaffen.
Was halten Sie von Noten für Lehrer?
Grunwald: Die können Sie bereits im Internet unter spickmich.de nachlesen. Im Ernst - ich halte nichts davon.
Würden Sie den heutigen Abiturienten den Beruf des Lehrers empfehlen?
Grunwald: Immer.
Ihr Wunsch an die Schulpolitiker im Landtag?
Grunwald: Das Ziel noch einmal überdenken - das Tempo der Reformen drosseln, damit jeder mitkommt - und anerkennen, dass alles Geld kostet.
Interview: Andreas Heinrich

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