Tag der Arbeit - „ohne uns“

Klaus Behrendt (r.) und Herrmann-Josef Jaeger blicken frustriert in die Zukunft.
Klaus Behrendt (r.) und Herrmann-Josef Jaeger blicken frustriert in die Zukunft.
Foto: Herbert Höltgen
Was wir bereits wissen
Für Langzeitarbeitslose war die Bürgerarbeit mehr als nur ein Job. Nach dem Aus der Maßnahme landeten 70 Mitarbeiter des Mülheimer Diakoniewerks Arbeit & Kultur wieder beim Sozialamt. Drei von ihnen erzählen, wie es für sie weitergeht und was für sie der Tag der Arbeit bedeutet.

Mülheim.. Klaus Behrendt hat zur Zeit viel Zeit. Zu viel Zeit. Der 60-Jährige ist arbeitslos. Wieder einmal. Seit über zehn Jahren sucht der gelernte Handwerker einen Job auf dem ersten Arbeitsmarkt. Bis zum Herbst vergangenen Jahres war er noch als „Bürgerarbeiter“ im Diakonie-Werk Arbeit & Kultur beschäftigt, hat dort als Handwerker gearbeitet, die Küche renoviert, den Konferenzraum mit umgebaut. Dabei ging es dem Mülheimer gar nicht mal um den Lohn, der kaum höher war, als der Sozialhilfesatz. Viel wichtiger: Klaus Behrendt hatte wieder was zu tun. Doch das durch den Bund geförderte Programm der „Bürgerarbeit“ ist im November nach drei Jahren ausgelaufen.

Pech für Klaus Behrendt. Wie er mussten 70 „Bürgerarbeiter“, die an der Georgstraße in der Werkstatt, bei Wohnungsauflösungen, in der Küche oder Textilhalle gearbeitet haben, wieder zum Sozialamt. Nur wenige haben eine Anschlussmaßnahme in einem anderen Förderprogramm für Langzeitarbeitslose bekommen. Klaus Behrendt hat es versucht. „Ich hatte schon was gefunden, hätte bei der Pia anfangen können“, erzählt er. „Aber mein Fallmanager hat mir gesagt: Es gibt nichts mehr für Dich. Die anderen würden auch mal wieder gern“, sagt Klaus Behrendt achselzuckend. Den Glauben in die Politik hat er längst verloren. Früher, da sei er selbst Betriebsrat gewesen. Heute, blickt er frustriert auf den Tag der Arbeit. „Der bedeutet mir nichts mehr. Ich habe keine Lust mehr, mir die Reden anzuhönen, sehe ja selbst wie es ist.“ Noch immer kommt er oft ins Diakoniewerk. Was soll er auch sonst den ganzen Tag machen? „Essen kochen, warten“, aber worauf?

Massive Einsparungen

Das fragt sich auch Hermann-Josef Jaeger. Der 58-Jährige hatte als Fahrer fürs Diakoniewerk gearbeitet, Container geleert und bei Wohnungsauflösungen geholfen. Der gelernte Kfz-Mechaniker wurde arbeitslos, als seine Firma vor Jahren schloss. 14 Monate fuhr er mal für ein Logistikunternehmen, aber auch da war dann Schluss. „Vier Jahre war ich zu Hause. Mir ist die Decke auf den Kopf gefallen“, erzählt der Mülheimer. Dann stellte ihn das Diakoniewerk als Bürgerarbeiter ein. Doch auch er hatte im letzten Jahr seinen letzten Arbeitstag dort. Zwar ist er in einer anderen Fördermaßnahme der Sozialagentur untergekommen, „Spurwechsel“ nennt die sich. Aber eine Perspektive sieht Hermann-Josef Jaeger nicht. „Wir lernen, Bewerbungen zu schreiben. So zwölf habe ich schon weg geschickt, aber nicht mal gehört, ob sie eingegangen sind“, sagt er. Manchmal fährt er noch den Sozialkulturbus fürs Diakoniewerk. Ehrenamtlich. Doch wie lange er das kann, ist ungewiss.

Denn erst in dieser Woche musste Ulrich Schreyer, Geschäftsführer des Diakoniewerks, den rund 270 Mitarbeitern mitteilen, dass die Mittel so drastisch von 400.000 auf 190.000 Euro für dieses Jahr gekürzt worden sind, „dass wir wohl Mitarbeiter entlassen müssen.“ Wie viele, in welchen Bereichen, das sei alles noch offen.

Massive Kürzung bei Diakoniewerk Arbeit & Kultur

Massiv ist in den vergangenen Jahren bei den Geldern für das Diakoniewerk Arbeit & Kultur gekürzt worden. 200 Stellen wurden bereits abgebaut. Seit Jahren fordert Ulrich Schreyer einen „sozialen Arbeitsmarkt“ für Menschen, die auf dem 1. Arbeitsmarkt keine Chance haben, weil sie krank, psychisch labil sind oder einfach die Qualifikation nicht haben. Reguläre Jobs für diese Menschen gab es mal. „Doch die sind wegrationalisiert worden“, sagt Ulrich Schreyer. Und so durchlaufen viele Langzeitarbeitlose eine Maßnahme nach der anderen, ohne den Sprung in ein normales Beschäftigungsverhältnis realistisch schaffen zu können. „Nicht mal zehn Prozent unserer Mitarbeiter schaffen das“, sagt Ulrich Schreyer.

Sascha David hofft, dass er zu den knapp zehn Prozent einmal zählen wird. Der gelernte Konditor hat nach der Bundeswehr den Anschluss verpasst. Eine gescheiterte Beziehung, Alkoholprobleme haben ihn aus der Bahn geworfen, wie er offen zugibt. Über Zeitarbeitsfirmen fand der 31-Jährige immer mal wieder Jobs. Aber nichts Festes. Im Diakoniewerk ist er nun wieder „ans Backen gekommen“, wie er sagt. Nach der Bürgerarbeit geht es für ihn weiter, noch ein halbes Jahr über die „Mülheimer Arbeit“. Doch danach ist auch seine Zukunft ungewiss. Er will arbeiten, schreibt Bewerbungen, will seinen Mofa-Führerschein machen. Pläne hat er viele. Doch leider auch genausoviele Zweifel.