Täglich Schläge mit dem Stock

Obwohl ich schon viele Jahre in Südbaden lebe, lese ich regelmäßig die WAZ. Ich bin in Mülheim aufgewachsen; meine Eltern leben noch dort in Dümpten. Als ich Ihren Bericht über das Kinderheim in Keitum las, kam alles wieder in mir hoch.

Ich war 1965, damals fünf Jahre alt, mit meiner Zwillingsschwester für sechs Wochen zur Erholung in diesem Kinderheim. Die schrecklichen und grausamen Erinnerungen daran sind bis heute nicht vergessen! Es gab sechs Wochen lang täglich Schläge mit dem Rohrstock und nur hochkalorisches Essen: Griesbrei, Milchsuppe, Schmalzbrote... Hatte ein Kind sein Essen erbrochen, musste es das Erbrochene und einen neuen Teller voll Brei essen! Wir konnten ja mit fünf Jahren weder schreiben noch telefonieren; wir waren diesen fürchterlichen Monster-Erzieherinnen gnadenlos ausgeliefert.

Ich könnte stundenlang von den Schlägen und anderen brutalen Machenschaften erzählen. Alle Kinder waren nach dieser „Kur“ schwerst traumatisiert und völlig verstört! Meine Schwester und ich waren so fertig, dass wir unsere Eltern am Bahnhof nicht erkannt haben, als diese uns wieder abholten.

Wir haben erst mit ca. 14 Jahren das erste Mal unseren Eltern von dieser schrecklichen Zeit in Keitum berichtet. Vorher konnten wir einfach nicht darüber reden. Unsere Eltern waren völlig entsetzt; aber es war zu spät, um nach neun Jahren jemanden dafür zur Verantwortung zu ziehen. Diese schrecklichen, demütigenden Erlebnisse auf Sylt haben mich mein ganzes Leben lang wie ein Schreckgespenst begleitet! Ich habe oft ganz furchtbar davon geträumt und weiß alles noch, als wäre es gestern gewesen.