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Sucht ist Suche

23.10.2007 | 00:00 Uhr

Nach dem Ausgleich von Mängeln, nach einer Möglichkeit, Ängste, Trauer, Einsamkeit zu behandeln.Experten des St. Marien-Hospitals laden zu einem Gesprächsabend über das Thema ein

AKTUELLE MEDIZINISCHE STUNDE THEMA SUCHT Es geht nicht ums Dozieren, sondern um ein Gesprächsangebot, wenn Suchtexperten Interessierte, Betroffene, Angehörige am Donnerstag ins St. Marien-Hospital einladen. "Sucht hat viele Gesichter" heißt die Aktuelle Medizinische Stunde um 18 Uhr mit Psychotherapeut Lutz Gierig und Joachim Röttger, Oberarzt der Psychiatrischen Klinik. Die Gesichter der Sucht können jung sein - etwa ein pubertierender Jugendlicher, der bei der Suche nach Orientierung, nach dem Platz im Leben, beim Ausprobieren in eine Sucht geraten kann, oder auch alt: Gierig bringt das Beispiel vom Rentner, der nach 50 Jahren harter Arbeit im neuen Alltag in ein Loch stürzt und erst wieder lernen muss, etwas mit sich anzufangen. "Viele unserer Suchtpatienten können sich selbst nicht aushalten", hat Lutz Gierig erfahren.

Die Bedeutung des Wortes Sucht habe etwas mit siechen, aber auch mit suchen zu tun, erklärt Gierig. "Alle Suchtpatienten suchen etwas. Nämlich eine Möglichkeit, Schmerzen behandeln zu können; Ängste, Trauer, Einsamkeit abbauen zu können." Sucht sei immer auch die Suche nach dem Ausgleich von Mängeln. Gierig, der seit acht Jahren eine Suchtgruppe für Patienten des Marien-Hospitals betreut: "Es geht immer um die Alltagsbewältigung, um Probleme mit Beziehungen, mit Konflikten, mit dem Selbstwertgefühl". Auch mit der Genussfähigkeit.

Denn Sucht hat mit Genuss nichts mehr zu tun, nichts mehr mit dem Wollen. Sucht ist eine Handlung, die man nicht mehr lassen kann, ein Verlust der Freiheit, selbst zu entscheiden. Sucht sei aber auch: Ein vergeblicher Selbstheilungsversuch, führt Gierig aus, nicht nur bei der Sucht nach Schmerzmitteln. Sucht entwickelt sich schleichend - über die Gewöhnung komme man häufig zur Abhängigkeit.

Süchtig kann man sein nach Nikotin, Medikamenten, Nahrungsmitteln, illegalen Drogen. Die meisten Menschen, die im Marien-Hospital behandelt werden, sind alkoholsüchtig, erklärt Oberarzt Röttger. Von einer Suchtgefährdung könne man ausgehen, wenn man mehr als zwei dieser Fragen mit "Ja" beantworten muss, erläutert der Psychiater: 1. Haben Sie schon mal versucht, weniger Alkohol zu trinken? / 2. Haben Sie sich schon einmal geärgert, dass man Sie auf Ihren Konsum angesprochen hat? / 3. Haben Sie sich deshalb schon einmal schuldig gefühlt? / 4. Trinken Sie schon morgens?

Von Bettina Kutzner

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