Stückweise lesen Autoren im Medienhaus

Die Theatertage sollen sich nicht nur auf die Spielstätten beschränken, sondern auch in der Stadt spürbar werden. Es gibt Postkarten mit markanten Sprüchen der Autoren, auf dem Fahrradfrühling machte das Organisationsteam mit Trailern zu den Inszenierungen neugierig und im Medienhaus ist im Obergeschoss eine Ausstellung zum 40. Bestehen zu sehen. Mit Fotos und Hörproben zu ausgewählten Preisträgern des Festivals. Gestaltet hat diesen Raum, in dem aus Draht gebogene menschlichen Silhouetten zu sehen sind, die Bühnenbildnerin Cordula Körber, die auch das Stadthallenfoyer gestaltet hat.

Bunte Stempel weisen stückweise den Weg ins Medienhaus, wo die Ausstellung während des Festivals zu sehen ist. Wer seinen Blick am Synagogenplatz dann auf die gläserne Fassade richtet, kann in großen Lettern schon „Stücke“ lesen. Und weil das Festival immer ein wenig anders sein möchte, ist der eine oder andere Buchstabe spiegelverkehrt aufgeklebt. Entscheidender war aber am Mittwoch der Auftakt einer neuen Lese-Reihe in Kooperation mit der Stadtbücherei, wo auch alle Theatertexte des aktuellen Festivals erhältlich sind - und vieles aus der Vergangenheit des Festivals. Mehrmals im Jahr will Festival-Chefin Stephanie Steinberg Lesungen mit Stücke-Autoren organisieren. Termine sind noch nicht gemacht, doch weiß sie, dass auch die Autoren daran Interesse haben. Beispielhaft nennt sie Vorjahres-Preisträger Wolfram Höll sowie Martin Heckmanns und Katja Brunner, deren Preisträgerstück am Sonntag in einer Inszenierung des Theaters aus Mexiko zu sehen ist.

Die erste Lesung gestaltete nun Dirk Laucke. Wer Bücher wie „Tschick“, Salingers „Fänger im Roggen“ oder Filme wie „Oh Boy“ mag, der dürfte auch Gefallen an seinem Werk „Mit sozialistischem Grusz“ finden. Leicht im Ton und doch nicht banal wird das Leben eines jungen Drifters mit einem Augenzwinkern erzählt, dem so manches entgleitet. Philipp, die Hauptperson, denkt zu lange nach, bis er die richtige Entscheidung treffen kann, doch da ist die Gelegenheit schon vorbei. Laucke trifft auch in dem Roman sicher den richtigen Sound. Der Grund für die besondere Schreibweise des Titels klärt sich schon nach wenigen Minuten. Der Hebel für das „ß“ war an der Schreibmaschine defekt, in die der besorgte Vater nächtens seinen Hilferuf an Margot Honecker hackt. Es ist natürlich weder eine Olivetti noch eine Triumph, sondern eine Erika. Natürlich bringt Philipp die Briefe nicht zur Post, googelt nicht einmal die Adresse der Staatsratsvorsitzendenwitwe. Irgendwann merkt das auch der Vater. Doch einmal kommt ein Brief von Margot zurück. Hat sie tatsächlich geantwortet oder hat Philipp die Antwort fingiert?

Laucke hat die Schlüsselszene freilich ausgespart. Ansonsten referiert er knapp, was zwischen den Szenen passiert ist, führt Personen ein. Er wirkt bei der Lesung sympathisch, gibt vor, nervös zu sein. „Normalerweise machen das ja die Schauspieler für mich“, und bittet das Publikum ihm zu sagen, wenn er zu schnell wird - „typischer Anfängerfehler“. Wird er aber nicht. „Können Sie noch?“, dann fasst er Vertrauen und geht zum persönlicheren Du über.

Zum 40. Bestehen des Festivals gibt es ein besonderes Geschenk: Wer ebenfalls in diesem Jahr 40 wird, erhält für eine Vorstellung seiner Wahl zwei Eintrittskarten mit 40 Prozent Rabatt auf den regulären Preis. Erhältlich an der Abendkasse oder bei der MST. Das gilt auch für den Eröffnungsabend.