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WAZ-Serie: Selbsthilfe

Sprechende Waagen

04.01.2009 | 18:41 Uhr

Helfer für den Haushalt lassen blinde und sehbehinderte Menschen ihre Selbstständigkeit bewahren. Die Mülheimer Selbsthilfegruppe kennt sich auf dem Markt aus.

Wenn das Fieberthermometer spricht und auch die Küchenwaage munter Zahlen von sich gibt, muss das kein Anzeichen für eine psychische Erkrankung sein. Auch befinden Sie sich vermutlich nicht in einem Science-Fiction-Film.

Vielleicht hat ein blinder oder sehbehinderter Mitmensch Sie in seine Wohnung eingeladen. Die Stimmen, zum Beispiel die der Elektrogeräte in der Küche, reichen dem Blinden die hilfreiche Hand. Dann kann die eigene Hand das Sehen übernehmen. Sie kann über die Braille-Zeile lesen oder am Computer mit Sprachausgabe, dessen Stimme übrigens jeden Tipp-Fehler unangenehm preisgibt, E-Mails beantworten.

Weniger ausgegrenzt

So sind blinde Menschen, wenn sie wissen, wie es geht, weniger ausgegrenzt und auf sehende Helfer angewiesen.

Unsere Welt ist eine Welt der Sehenden. Circa 80 Prozent aller Wahrnehmungen werden über das Auge getätigt. Entsprechend einschneidend sind die Konsequenzen für Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht sehen können oder deren Sehvermögen stark eingeschränkt ist. Das ist in Deutschland mit seinen 80 Millionen Einwohnern bei 155 000 Blinden und mehr als 500 000 Sehbehinderten der Fall, jährlich erblinden weitere 28 000 Menschen.

Der völlige oder teilweise Verlust der Sehfähigkeit führt in erster Linie zu weitreichenden Benachteiligungen in der Mobilität, bei der Information und Kommunikation. Natürlich sind auch der Verlust gesellschaftlichen Ansehens vermittels der Sorge, nicht mehr gebraucht zu werden, sowie die Gefahr der Vereinsamung und oft erlebten Ausgrenzung gravierende Folgen.

Die Diagnose einer solchen Erkrankung bedeutet für die Betroffenen und deren Angehörigen eine dramatische Veränderung ihrer Lebensperspektive. Gerade dann ist Beratung und Verständnis am nötigsten, können doch Kenntnisse über Hilfsmöglichkeiten positive Anker ins Dunkel werfen.

Dieses Wissen zu vermitteln hat sich die Mülheimer Selbsthilfegruppe für blinde und sehbehinderte Menschen unter anderem zum Ziel gesetzt. Die inzwischen zertifizierten ehrenamtlichen Berater informieren über alle Formen von Hilfsmitteln bis hin zum Blindenführhund und stehen auch bei rechtlichen Schwierigkeiten zur Seite.

Beratungsbüro fehlt noch

Mit finanzieller Unterstützung der Krankenkassen hat die Gruppe einen Beratungskoffer angeschafft, der viele erstaunliche Helfer in Haushalt und Alltag zum Vorzeigen und Erklären bereithält.

Jetzt fehlt nur noch das Beratungsbüro. Die Selbsthilfegruppe, die sich auch einmal im Monat bei ihrem Stammtisch zum Austausch trifft, hofft hier auf eine Zusage der Augenklinik, in der sie sich, nicht zuletzt wegen deren Kompetenz, zu Hause fühlt.

Mittlerweile gibt es die Fieberthermometer mit Sprachausgabe, erstaunlicherweise bei einem namhaften Kaffeehersteller. Die blinden und sehbehinderten Menschen der Mülheimer Selbsthilfegruppe nehmen das als positives Signal.

Kontakt zur und Informationen über die Mülheimer Selbsthilfegruppe für blinde und sehbehinderte Menschen ist unter der Rufnummer 432 518 möglich. Oder auch über das Selbsthilfebüro der Stadt Mülheim unter der Rufnummer  300 48 14 (Anke van den Bosch).

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