Spannende "Winterreise" auf der Mülheimer Volxbühne

Szenenbild aus „Der Winterreise“ von Elfriede Jelinek in einer Koproduktion von Volxbühne Mülheim und Atonal Theater (Köln).
Szenenbild aus „Der Winterreise“ von Elfriede Jelinek in einer Koproduktion von Volxbühne Mülheim und Atonal Theater (Köln).
Foto: Mit: Helmut Baumeister, Adelheid
Was wir bereits wissen
Darsteller der Mülheimer Volxbühne und des Atonal Theaters (Köln) zeigenElfriede Jelineks Bühnenstück in einer außergewöhnlichen Neuinszenierung.

Mülheim.. Wahrscheinlich sind sie die beste Besetzung, die es für Elfriede Jelineks „Winterreise“ überhaupt geben kann. Denn die Schauspieler der Volxbühne sind zwischen 65 und 82 Jahre alt und damit „Experten des Alters“, wie es Regisseur Jörg Fürst ausdrückt. Der Kölner ist Leiter der Volxbühne sowie des Kölner Atonal Theaters.

In einer neuen, größeren Version der „Winterreise“, in der es um Zeit und Vergänglichkeit geht, führt er Amateure und Profis der beiden Ensembles zusammen. Am Donnerstag, 9. April, ist die Neuinszenierung als Gastspiel im Theater an der Ruhr zu sehen. Kern der Volxbühne ist das 30-köpfige Ensemble des 1990 gegründeten Theaters Mülheimer Spätlese.

Ein "Theater der Generationen"

Seit August 2013 ist die Volxbühne im Theater an der Ruhr unter der Leitung des Kölner Regisseurs angesiedelt. Das „Theater der Generationen“ probt auch heute noch im Theaterstudio an der Adolfstraße. „Für die Winterreise sind die Räumlichkeiten jedoch zu eng“, erklärt Jörg Fürst. Daher geht es am 9. April auf die große Bühne am Raffelberg. Apropos große Auftritte: Die hatten die kooperierenden Ensembles bereits Anfang des Jahres in Köln. Dort traten sie mehrfach mit der „Winterreise“ auf – die Kritiker waren begeistert.

Mit dabei sind neun Amateure der Volxbühne, die zwischen 65 und 82 Jahre alt sind. Ihnen zur Seite stehen drei Profi-Schauspieler des Atonal Theaters im Alter von Anfang 30 bis Mitte 40. „Eine außergewöhnliche Zusammenarbeit“, findet Regisseur Jörg Fürst. Während sich Profis manchmal im Philosophieren verlieren, gehe es den Amateuren vor allem um den Bezug zum eigenen Leben. „Sie wollen wissen: Was hat das mit mir zu tun?“

Berührungsängste mit dem Text

So gelte es bei der Textarbeit das Wesentliche, den Kern, herauszuarbeiten. Dabei gab es zunächst Berührungsängste mit dem Text der Literaturnobelpreisträgerin. „Ich musste jeden Satz dreimal lesen, um ihn zu verstehen. Was man in zwei Worten sagen kann, sagt sie in zehn Sätzen“, findet etwa Schauspielerin Ursula Roth (77). „Aber sie haben sich gegenseitig die Angst genommen“, so Fürst.

Für die neue Inszenierung setzten sich die Schauspieler mit weiteren Texten der „Winterreise“ auseinander. Denn diese hatte die Volxbühne bereits als erste Produktion aufgeführt. „Mit der ursprünglichen Inszenierung hat dieses Stück nicht mehr viel zu tun – es ist eine neue Version“, erklärt der Regisseur. Dennoch stehe das Thema Vergänglichkeit im Zentrum. „Die Erfahrung mit dem Text läuft parallel zu meinem Privatleben: Wie viel Zeit bleibt mir und den mir nahestehenden Personen und was fangen wir mit dieser Zeit an?“, sagt Schauspielerin Helga Tillmann (68). Das Spiel mit älteren Akteuren habe eben mehr Authentizität, die beim Publikum gut ankomme, so Fürst. „Bei keinem anderen Stück habe ich so viele Zuschauer mit Tränen in den Augen gesehen.“