Sorge um Arbeitsplätze wächst

Was wir bereits wissen
Der Leiter der Agentur für Arbeit sieht zahlreiche Mülheimer Stellen in Gefahr, weil sich mehrere Unternehmen in der Stadt in einer Schieflage befinden. Als Beispiele nennt er Vallourec, Tengelmann und Siemens.

Mülheim.. Mahnende Worte fand Jürgen Koch, Vorsitzender der Geschäftsführung der für Mülheim zuständigen Agentur für Arbeit Oberhausen, mit Blick auf die Entwicklung des Arbeitsmarktes in Mülheim. „Ich sehe mehr Risiken als Chancen“, sagte Koch und verwies auf die kritische Situation, in der sich eine Reihe großer und mittelständischer Mülheimer Unternehmen aktuell befinden.

Koch startete eine Aufzählung: Im Stahlwerk Vallourec war im Herbst vergangenen Jahres eine Vereinbarung zur Zukunftssicherung des Standortes getroffen worden – diese sieht auch einen weiteren Abbau von Personal vor. Zudem bangen rund 650 Mülheimer Mitarbeiter bei Tengelmann in Verwaltung, fünf Filialen und bei den Tengelmann-Töchtern Plus.de und Garten.XXL.de, die ebenfalls auf der Verkaufsliste stehen, um ihre berufliche Zukunft. Und auch am Mülheimer Standort von Siemens sollen 299 von rund 4800 Stellen gestrichen werden.

Harter Kern an Arbeitslosen bleibt erhalten

Entwicklungen, die Sorgen bereiteten, so der Leiter der Arbeitsagentur für Mülheim und Oberhausen. „Wenn man zusammenrechnet, was da in Summe an Arbeitsplätzen dahinter steckt, kann ich nur warnen: Achtung Mülheim!“ Zwar könne Mülheim mit einer Arbeitslosenquote von 7,9 Prozent (0,3 Prozent mehr als im Vorjahr) im Jahr 2014 einen Topwert im Vergleich zu anderen Ruhrgebietsstädten vorweisen – Oberhausens durchschnittliche Arbeitslosenquote etwa lag im vergangenen Jahr bei 12 Prozent. Doch dürfe man sich darauf nicht ausruhen, forderte Koch ein.

Denn trotz einiger Dynamik auf dem Arbeitsmarkt im vergangenen Jahr, bleibe ein harter Kern an Arbeitslosen erhalten. Im Jahresdurchschnitt waren 6552 Menschen arbeitslos, 216 mehr als 2013. „Da erkennen wir wenig Veränderung, das bleibt eine festgefahrene Größe.“ Hinzu komme, dass der Agentur für Arbeit immer weniger offene Stellen gemeldet würden, so Koch. Einen weiteren Risikofaktor macht Koch in der Tatsache aus, dass im vergangenen Jahr 100 Ausbildungsverträge weniger allein bei IHK-Berufen verzeichnet wurden. „Ich appelliere an die Firmen, mehr auszubilden. Wir brauchen Betriebe, die sich auf die veränderte Jugendkultur einlassen. Denn: Jeder Jugendliche ist ausbildungsfähig.“ Um Jugendliche besser erreichen zu können, soll die Berufsberatung aus dem Haus der Agentur für Arbeit umziehen in das U25-Haus der Sozialagentur an der Viktoriastraße direkt in der Innenstadt.

Talente von Jugendlichen früh aufdecken

Auch wenn die Sozialagentur und die Agentur für Arbeit zwei getrennte Träger aus verschiedenen Rechtskreisen sind, so haben sie doch eine entscheidende Schnittmenge: Menschen, die ohne Arbeit sind. Um für die arbeitslosen Leistungsbezieher das Bestmögliche zu erreichen, arbeiten beide Institutionen Hand in Hand. So stellten Klaus Konietzka, Leiter der Sozialagentur Mülheim, und Jürgen Koch, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Oberhausen, die für Mülheim zuständig ist, auch gemeinsam die Jahresbilanz 2014 vor.

„Die Arbeitslosigkeit ist im Vorjahresvergleich leicht gestiegen. Die Entlassungen und Insolvenzen, die in Mülheim drohen, veranlassen uns, präventive Gespräche mit den betroffenen Unternehmen zu führen“, kündigte Jürgen Koch an.

Menschenwürdiges Leben für Langzeitarbeitslose

Klaus Konietzka fügte mit Blick auf die Sozialagentur hinzu, dass immer mehr Menschen in der Langzeitarbeitslosigkeit „kleben“ blieben. Im vergangenen Jahr waren im Durchschnitt 3224 Menschen von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen – 105 mehr als im Vorjahr. „Fast alle Langzeitarbeitslosen beziehen ihre Leistungen zum Lebensunterhalt von der Sozialagentur“, verdeutlichte Konietzka. Bei diesen Menschen gehe es nicht allein darum, ihnen die Grundsicherung zu gewährleisten, sondern vor allem auch darum, ihnen ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Neben der Vermittlung der Betroffenen in Arbeit zählt für Konietzka und sein Team auch die soziale Teilhabe dazu – psychosoziale Leistungen, Vermittlung von Kinderbetreuungsangeboten und Kontakte zur Schuldnerberatung flössen dort mit ein. „Die Hilfebedürftigkeit dieser Gruppe zu senken, ist die Herausforderung“, sagt Konietzka und nannte zur Verdeutlichung Zahlen: 48 Prozent der Langzeitleistungsbezieher haben keinen Schulabschluss, 73 Prozent haben keine abgeschlossene Ausbildung und 43 Prozent sind älter als 50 Jahre.

Positive Entwicklung bei der Jugendarbeitslosigkeit

Eine positive Entwicklung zeigt sich auf dem Gebiet der Jugendarbeitslosigkeit: „Wir hatten im vergangenen Jahr keine Schulabgänger, die unversorgt geblieben sind“, freut sich Konietzka. Und auch die Anzahl der Hauptschüler, die 2014 eine duale Ausbildung begonnen haben, könne sich sehen lassen, so der Sozialagentur-Leiter: „43 Prozent der Hauptschüler sind in eine duale Ausbildung gegangen, damit ist Mülheim spitze.“ Einen Anteil an diesem Erfolg trage auch das U25-Haus, ist der Leiter des Sozialamtes überzeugt: „Dort finden junge Leute Ansprechpartner für alle Problemlagen. Hier sitzen das Fallmanagement für alle SGB II-Bezieher unter 25, die Übergangsbegleitung für Schüler, der Mülheimer Ausbildungsservice und die Jugendhilfe unter einem Dach – und spätestens ab dem Sommer auch die Berufsberatung der Agentur für Arbeit.“ Konietzka und Koch sind sich einig: „Um Jugendliche in Arbeit zu bringen, muss man früh anfangen, Kontakt zu ihnen aufzubauen und ihre Talente aufdecken.“