Siemens streicht 952 Stellen in Mülheim

Der Andrang war groß bei der Siemens-Betriebsversammlung in der RWE-Halle
Der Andrang war groß bei der Siemens-Betriebsversammlung in der RWE-Halle
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Pfiffe bei der Belegschaftsversammlung in der RWE-Halle: Der Konzern will das Generatorenwerk vor Ort schließen und auch andere Bereiche verlagern.

Mülheim.. „Unser Management wurde ausgepfiffen. Die Stimmung ist schlecht – mal sehen, was jetzt daraus wird.“ Mit diesen Sätzen verließ eine Siemens-Mitarbeiterin am Freitagmittag strammen Schrittes die Belegschaftsversammlung in der RWE-Halle. Minuten zuvor hatten sie und rund 2500 andere Beschäftigte erfahren, dass in Mülheim 952 Stellen abgebaut werden sollen. Und, dass das Generatorenwerk, die Ventil- sowie die Niederdruckschaufel-Produktion verlagert werden. Ein Zeitpunkt wurde nicht genannt, derzeit seien die Auftragsbücher noch gefüllt, hieß es lediglich.

Es war ein schöner Morgen, mit blauem Himmel, frischer Luft. Die Menschen, die gegen 10 Uhr herbeiströmten, hatten keinen Blick dafür. „Wir haben Sorgen“, war ein Satz, der oft fiel. „Für uns alte Säcke ist das zwar nicht so schlimm“, sagte einer, der seit über 30 Jahren dabei ist, „aber die jungen Leute, die tun mir echt leid.“ – „Für Mülheim ist das auch schlecht“, so ein Kollege, der ebenfalls unerkannt bleiben wollte. „Macht Siemens zu, geht die Stadt kaputt.“

Informationen aus erster Hand gab es ohnehin nur für die Beschäftigten

Dass nicht alle Abteilungen auf einen Schlag dicht machen, das war klar – doch war der gestrige Tag der letzte mit Hiobsbotschaften? Diese Frage blieb. Informationen aus erster Hand gab es ohnehin nur für die Beschäftigten; die Türen zur Halle wurden streng bewacht. Selbst Geräusche sollten nicht nach draußen dringen – ab und an kamen trotzdem Pfiffe und Buhrufe durch. Im Einzelfall auch Applaus. „Die Rede vom Betriebsratsvorsitzenden war gut“, lobten später einige Teilnehmer. „Er hat Klartext gesprochen, Zahlen genannt“, so ein 44-Jähriger. „Das Management ist so schnell durch die Folien gegangen, dass keiner etwas begreifen konnte.“ Der Mitarbeiter, seit 16 Jahren dabei, fürchtet, dass man „bald das nächste Bein abschneidet“: den Bereich Service und Reparatur. „Wer nichts fertigt, hat nichts zu reparieren.“

„Wir haben keine Perspektive, wissen nicht, wo es hingehen soll und wie wir in 10 bis 15 Jahren noch überlebensfähig sein sollen“, beklagte Pietro Bazzoli, Vorsitzender des Betriebsrats. Wenn Generatoren künftig im US-amerikanischen Charlotte und in Erfurt gebaut würden, Ventile in Tschechien und Niederdruckschaufeln in Ungarn, dann drohe Mülheim zur „Resterampe“ zu verkommen. Von einem Trauermarsch in der Halle und einer Protestaktion mit 100 Kreuzen, berichtete er. „Der ganze Saal ist aufgestanden, das war ein Gänsehaut-Moment.“ Die Entschlossenheit der Belegschaft, sich zu wehren, sei groß.

Er hoffe darauf, dass die Chefetage – die die Pläne gestern nicht bestätigen wollte und auf die bevorstehenden Verhandlungen mit dem Betriebsrat verwies – den betroffenen Kollegen hilft, neue Aufgaben zu finden.

Ist es der Einstieg in den Ausstieg?

Bis dato, so berichtet Betriebsratschef Pietro Bazzoli nach der ernüchternden Siemens-Betriebsversammlung, habe sich die Unternehmensleitung in vergleichbaren Situationen immer bemüht, Lösungen für betroffene Angestellte zu finden. „Und zwar Lösungen im ersten Arbeitsmarkt.“ So seien Kollegen bei anderen Mülheimer Firmen untergekommen. Diesmal aber – nach Ankündigung des massiven Stellenabbaus – gehe man bislang „nur auf Zahlen ein und nicht auf Menschen“. Er kritisierte die verantwortlichen Köpfe: „Sie sind nicht in der Lage, die Mannschaft zu motivieren. Wären sie Fußballtrainer, würden wir absteigen.“

4800 Mitarbeiter gibt es am von Rüdiger Semmler geleiteten Standort derzeit. Die allermeisten arbeiten an der Rheinstraße im Hafen; die Gebäude dort – mit guter Anbindung an die Verkehrswege Wasser und Schiene – sind seit den 70er Jahren kontinuierlich gewachsen. Noch 2008 investierte Siemens dort in weitere 30 000 Quadratmeter Fertigungs- und Büroflächen.

„Es hieß doch immer, wir sind eine große Familie“

Eigentlich sei man immer stolz gewesen auf diesen renommierten Arbeitgeber, sagte gestern ein altgedienter Siemensianer (56). „Es hieß doch immer, wir sind eine große Familie.“ Dieses Gefühl aber sei mittlerweile leider ganz verschwunden. Nach mehr als 40 Jahren im Job habe man ihm kürzlich ein Angebot für einen Auflösungsvertrag unterbreitet, „das einfach würdelos ist“ und „das ich niemals unterschreiben werde“.

Für Pietro Bazzoli sind die anstehenden Veränderungen „kein Schnitt, der einmal wehtut, dann aber gesund macht“, sondern „der Einstieg in den Ausstieg“. Das kann man offenbar auch anders sehen. Ein 45-jähriger Mitarbeiter sagte gestern jedenfalls: „Unter dem früheren Siemens-Chef Peter Löscher sind 30 000 neue Jobs geschaffen worden, die baut Konzernchef Joe Kaeser jetzt halt wieder ab.“ Er halte das auch für dringend notwendig, „sonst bleiben wir nicht konkurrenzfähig“. Auch wenn es für die betroffenen Mitarbeiter schwierig sei, sehe er Einsparungspotenzial – vor allem in der Verwaltung.

Bei aller Betroffenheit gab es übrigens auch Erfreuliches: Ein großer Teil der Forschungs- und Entwicklungsabteilung für den Generator soll in Mülheim bleiben. Und in der Produktionshalle soll nach deren Leerzug ein NRW-Servicecenter für Turbinenwartung entstehen, mit rund 300 Mitarbeiter vom Standort Essen.

Betriebsratschef Bazzoli reicht das bei Weitem nicht aus: „Es kann doch nicht sein, dass Siemens nichts anderes einfällt, als das Servicegeschäft für die Industrieturbine in diese große Halle zu holen.“