Siemens-Mitarbeiter in Mülheim durchleben schlaflose Nächte

Wohin führt der Weg? Viele bei Siemens stellen sich die Frage.
Wohin führt der Weg? Viele bei Siemens stellen sich die Frage.
Foto: FUNKE Foto Services
Was wir bereits wissen
Hochqualifizierte Mitarbeiter, modernste technische Ausstattung – doch auch die Ventil-Fertigung ist vom Abbau bei Siemens in Mülheim betroffen. Ein Ortstermin.

Mülheim.. Er könne an nichts anderes mehr denken, schlafe schlecht und fühle sich seit ein paar Tagen einfach nur mies. Niemals, erzählt einer der Siemensianer, hätte er sich träumen lassen, dass seine Abteilung in Mülheim mal verlagert werden könnte. Nicht bei der Auslastung! „Wir haben für zwei, drei Jahre Arbeit in der Halle liegen“, erzählen die Werkarbeiter der Ventil-Fertigung an der Wiesenstraße. Etwa 130 Leute arbeiten dort. Der Werksteil soll nach Tschechien verlegt werden. Die 130 Arbeitsplätze gehören zu den 952, die in Mülheim in naher Zukunft wegfallen sollen.

An Aufträgen für die Philippinen arbeiten sie zurzeit, komplette Kraftwerke. Tausende von Arbeitsstunden müssten sogar nach außen vergeben werden, weil das alles vor Ort nicht zu schaffen sei. „Hier an der Wiesenstraße wird doch richtig Geld verdient!“ Ein junger Kollege fragt besorgt und empört zugleich: „Wie hoch muss denn ein Gewinn sein, dass man die Menschen hält? Reichen neun Prozent nicht?“ Und Betriebsrat Klaus Görtz erinnert an den Spruch von Werner von Siemens: Für einen kurzfristigen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.

Angst um die eigene Existenz

Seinen Namen will keiner der Betroffenen in der Zeitung lesen. Man wisse ja nicht, was noch komme. 56 Jahre alt ist einer, der sich bereit erklärt, offen über seine Gefühle zu reden. Seit 40 Jahren sei er nun bei Siemens, habe hier gelernt, sich immer weiter qualifiziert, nie auf die Uhr geschaut. „Es war doch immer egal, ob Sonntag, Feiertag oder Urlaubszeit, wenn es darauf ankam, haben hier alle mitgezogen, sogar 24 Stunden-Schichten gemacht.“ Heute fragt man sich: Das soll alles nichts wert gewesen sein?

Siemens Die Meisten sind fest verwurzelt mit dem Unternehmen. „Es war doch mal ein Familienunternehmen“, betonen die Älteren, und die Jüngeren gestehen, wie froh sie waren, als sie einen Arbeitsplatz bei Siemens bekamen. Heute, sagt einer – Ende 30, Vater von drei Kindern: „Ich habe große Existenzängste bekommen.“ Wer Ende 50 ist, hofft, noch einmal mit einem blauen Auge davon zu kommen. Ein 50-Jähriger hingegen fragt: „Wer nimmt uns denn?“

Mancher sieht den Anfang vom Ende

Die Klagen, dass Facharbeiter händeringend gesucht werden, können sie in diesen Tagen bei Siemens nicht glauben: „Es gibt kein zweites Unternehmen in Deutschland, dass eine derart intensive Ausbildung, eine derart permanente qualifizierte Weiterbildung betreibt wie Siemens“, sagt Görtz. Viele, berichtet der Betriebsrat, fragten sich: Haben wir etwas falsch gemacht? Und: „Wo soll es in Deutschland hinführen, wenn selbst derart hochwertige Arbeiten nicht mehr im Land produziert werden können?“

Sie sind bei Siemens auch stolz auf ihre Leistungen, ihr Können und auf ihre Anlagen. Millionenwerte seien vor gar nicht langer Zeit noch an der Wiesenstraße angeschafft worden. Gemeinschaftlich bedauern sie, dass sie nicht von der Geschäftsführung mal gefragt worden sind: Wie könnte man noch besser und zugleich noch preiswerter werden? An der Wiesenstraße sind sie überzeugt, dass sie eine Antwort gefunden hätten.

Siemens in Mülheim. Mancher sieht den Anfang vom Ende. „Am Ende wird vielleicht hier nur noch im Hafen zusammengebaut und verschifft.“ Dem Standort geben sie an der Wiesenstraße kaum eine Zukunft, nicht ohne die Ventil-Fertigung – „das ist so etwas wie die Herzkammer der Turbine.“