Senioren bleiben auf der Strecke

„Darf ich Ihnen beim Einsteigen helfen?“ Dieses Hilfsangebot, das vor allem Senioren, Behinderten und Eltern mit Kinderwagen an den Bus- und Straßenbahnhaltestellen schätzen, fällt jetzt weg. „Ohne Bundeszuschüsse gibt es leider keinen Begleitservice mehr“, lautet dazu der schlichte Kommentar bei der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG). Aus der eigenen Kasse kann das von hohen Verlusten gezeichnete Nahverkehrsunternehmen die 15 Männer und Frauen nicht bezahlen, die bislang über das Bundesprogramm Bürgerarbeit finanziert wurden. Diese und in Spitzenzeiten 98 weitere Arbeitsplätze in der Stadt wurden zu 80 Prozent aus Steuermitteln des Bundes und der EU finanziert. Die Bürgerarbeiter erhielten für 30 Stunden Arbeit 900 Euro brutto. Die Hoffnung, dass die MVG aus Eigenmitteln und Fördermitteln der Sozialagentur den Dienst zumindest mit sieben Beschäftigten weiterführt, hat sich demnach also zerschlagen.

„Das ist ein herber Rückschlag für Behinderte, die nun nicht mehr so mobil und selbstständig sind“, fügt Alfred Beyer, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft der in der Behindertenarbeit tätigen Vereinigungen (AGB), hinzu. Er hatte sich für die Beibehaltung dieses Angebotes eingesetzt. Auch beim Diakoniewerk Arbeit und Kultur, der Paritätischen Initiative Arbeit (Pia) und weiteren Hilfsorganisationen fallen im neuen Jahr zahlreiche unterstützte Arbeitsplätze weg.

„Die vom Bund verfügte Einstellung dieser Leistungen wird schlimme Folgen haben. So nimmt man ihnen wieder die Chance, einen Arbeitsplatz zu bekommen“, blickt Ulrich Schreyer, Geschäftsführer des Diakoniewerkes, enttäuscht ins Jahr 2015. Insgesamt 72 Frauen und Männer hatten dort dank der bisher gezahlten Bundesstütze einen regelmäßigen Job mit Einkommen gehabt. In wenigen Tagen seien sie wieder auf Sozialleistungen angewiesen, die Steuerzahlern mehr kosteten als die bisherige Lösung. „Wir haben über die Förderprogramme schon zahlreiche Menschen an Firmen in feste Anstellungen vermitteln können“, betont Schreyer.

Wie groß die Zahl der Senioren und Behinderten ist, die bislang von dem Begleitdienst profitierten, lässt sich nur schwer abschätzen. Es dürften jedoch ein paar Hundert sein, schätzt Beyer.

Doch laut Beyer hätten Bürokraten keinen Blick für praktische Lösungen. „Ein nützliches Angebot ist aus Sicht der Betroffenen der MVG-Begleitservice“, betont er. Er ermögliche vielen ihre Eigenständigkeit wiederzuerlangen. Sie konnten wieder am Leben teilhaben. Wissenschaftler hätten längst belegt: Durch Mobilität bleiben Senioren länger geistig und körperlich fit. Dies bringe dem Gesundheitssystem Einsparungen.

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