Seelische Grausamkeiten

Fastenzeit gleich Zeit der seelischen Grausamkeiten. Ein Blick auf die Waage sagte mir kürzlich, dass 40 Tage Verzicht auf Süßigkeiten, fettreiche Nahrung, tägliche Busfahrten zur Arbeit angebracht seien. Kein Problem, die Gesundheit geht vor, signalisiert der Kopf. Mein Körper sieht das gar nicht so. Noch nicht mit der Diät angefangen, signalisiert er mir schon pausenlos: Hunger. Egal ob Pellkartoffel mit Hering (Aschermittwoch) oder Brötchen mit Hähnchen, ansonsten als Mahlzeit völlig ausreichend – ich sterbe vor Hunger. So geschwächt, kann ich natürlich nicht zu Fuß 2,5 Kilometer heimwärts laufen, nein, einmal noch Busfahren dachte ich mir – und bereute es bereits nach wenigen Sekunden. Denn aus dem Heck des Busses drang schon bald ein betörender Geruch nach vorn: Currywurst und Pommes. Mir allerdings trieb’s den Schweiß auf die Stirn, das Wasser lief mir im Munde zusammen, der Magen knurrte. Ich war nahe dran, die gemütlich Schlemmenden wegen seelischer Grausamkeiten zu verklagen. Doch gottlob, die Lüftung des Busses sprang plötzlich an, vertrieb den Duft. Die Busfahrerin scheint wohl auch auf Diät zu sein.