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Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation

02.07.2012 | 10:00 Uhr
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
Heinz Lison, Sprecher der regionalen Wirtschaft, beklagt fehlende Kooperation zwischen Ruhrgebietsstädten.Foto: Andreas Köhring

Mülheim.   Zu wenig Kooperation zwischen Ruhrgebietsstädten ist für Wirtschaftsexperte Heinz Lison einer der Gründe für eine schwache Region. Letzter Ausweg wäre für Lison ein Eingreifen der Landesregierung. Denn das Land könne nicht auf Dauer die Defizite der Kommunen im Revier ausgleichen.

Zwei führende Männer der Wirtschaft machen sich Sorgen: Deutlich sinkende Einwohnerzahlen, fortschreitender Mangel an Fachkräften, erhebliche Verkehrsprobleme, wachsende Konkurrenz und eine dramatische Finanzsituation der Städte – doch abgestimmte Konzepte, Handlungsansätze oder Strategien, wie die Kommunen diesen Trend gemeinsam bekämpfen könnten, fehlten, stellt Dirk Grünewald, IHK-Präsident für Mülheim, Essen, Oberhausen, enttäuscht fest. Eine viel stärkere Kooperation der Städte fordert jetzt auch der Sprecher der regionalen Wirtschaft, Heinz Lison aus Mülheim. Er zeichnet ein düsteres Bild.

„Kein Schulabschluss, keinen Beruf gelernt, keine Sprachkenntnisse, geschweige denn eine Wertebasis – das ist die bittere Realität der neuen ,Unterschicht’ im Ruhrgebiet“, schreibt Lison in der Zeitung des Unternehmerverbandes „unternehmen!“ und fordert von den Städten eine bessere Kooperation auf allen Ebenen, um diese Probleme zu bewältigen. Es könne nicht angehen, dass „Abhängen“ und "Rumhängen“ stilbildend für Stadtteile würden, während gleichzeitig die Wirtschaft über Fachkräftemangel klage.

Finanznot hätte zusammenschweißen müssen

Auch wenn Grünewald bei der Vorstellung der IHK-Strategie 2030 auf einige gelungene Kooperationen verweist, die Hoffnung machen, sieht er Bedarf an einer neuen Gemeinsamkeit. Von der, so glaubt Lison, ist man noch ein ganzes Stück entfernt, weil scheinbar selbst kleinere Projekte stockten: Er verweist etwa auf den benötigten Autobahn-Parkplatz in Speldorf, wo nur zwei Städte, nämlich Duisburg und Mülheim, beteiligt sind, der aber zum „Planungschaos“ führe.

Oder interkommunale Gewerbegebiete – sie seien Objekte jahrelangen Gerangels und nicht Ausdruck der Überzeugung, dass es gemeinsam besser klappen könnte. Der aktuelle Konflikt um den Flughafen Essen/Mülheim gehört dazu. „Nicht eine politische Initiative aus der jüngsten Vergangenheit zu mehr Kooperation ist mir bekannt“, beklagt der Sprecher der regionalen Wirtschaft und sieht nach wie vor ein fortschreitendes Auseinanderdriften der Ruhrgebietsstädte.

Gerade die dramatische Finanznot hätte längst zusammenschweißen müssen. Lison nennt Bereiche wie Personalwesen, Liegenschaftsmanagement oder den Einkauf als mögliche Felder der Zusammenarbeit, um Kosten zu sparen. „Doch statt auf Einsparungen durch Kooperation zu setzen, lenken die Kommunen vom eignen Versagen ab, wie die Debatte über den Solidaritätszuschlag gezeigt hat“.

Hochschulen als Vorbild

Grünewald mahnt einen gemeinsamen Suchprozess der MEO-Städte an, um den Flächenengpass für die Ansiedlung von gewerblichen und industriellen Nutzungen zu meisten. Ein Stück mehr Gemeinsamkeit wäre aus Sicht der IHK auch ein gemeinsames Welcome (Willkommen)-Center der Städte, um einen speziellen Service für Fachkräfte zu bieten.

Es geht auch Lison um Zusammenarbeit bei ganz konkreten Projekten und Aufgaben, die alle weiterbringen. Vorbild könnten für ihn die Hochschulen des Ruhrgebietes sein, die im „Bildungsraum Ruhr“ ihre Kooperation ausbauen.

Wo sind die Stimmen des Ruhrgebiets?

Redet der Wirtschaftsmanager aus Mülheim das Revier schlecht? Keineswegs. Ihm geht es darum, ein Weiter-So zu verhindern. Wenn die Städte eine Wende nicht aus eigener Kraft schaffen sollten, hält Lison auch ein Einschreiten der Landesregierung für sinnvoll. „Das Land kann nicht auf Dauer die Defizite der Kommunen im Revier ausgleichen.“

Für ein starkes Ruhrgebiet muss sich aus seiner Sicht nicht nur die Politik bewegen, sondern auch die Wirtschaft. Wo, fragt Lison mit Blick auf all die Arbeitgeberverbände und Kammern, ist die Stimme der Ruhrgebietswirtschaft, wo die Stimme des Mittelstandes und der Familienbetriebe?

Andreas Heinrich


Kommentare
03.07.2012
14:50
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
von mightymouse | #11

Roger Strassburg, selbst Amerikaner beschreibt in seinem heutigen Artikel, dass die Spaltung im arme und reiche (durchaus auf Kommunen übertragbar) als eine Folge der Wirtschaft, Medien, Ökonomen und Politik, die nicht nachlassen, Sparmaßnahmen auf Kosten der Bürger (Kommunen) zu fordern. Jetzt den Zerfall zu beklagen, ist m.E. ein Versuch, um von den eigentlichen Problemen, die zu diesem"Schwächeln" führte, abzulenken.
Roger Strassburg schreibt: "(...)die immer penetranter werdenden Forderungen von Wirtschaft, Medien, Ökonomen und Politik, das Volk möge seinen Gürtel gefälligst enger schnallen, damit es der Wirtschaft gut geht. Das wurde mir angesichts der zunehmenden Spaltung in arm und reich immer befremdlicher."

Quelle: Der deutsche „Marshall-Plan“ besteht hauptsächlich aus Kontrolle, Verzicht, Strafe und schmerzhaften Opfern: ein Marshall-Plan der demütigt und Schmerzen zufügt.
http://www.nachdenkseiten.de/wp-print.php?p=13738

03.07.2012
01:12
Man mag die Äußerungen der beiden Herren ja kritisieren…
von TreuerLeser | #10

…was auch ich im Falle Lison getan habe, da er selbst m. E. keine praktikablen Lösungen anbietet.

Wenn aber ein Kommentator schreibt

„Wie wäre es denn, wenn Herr Grünewald und seine Freunde mal wieder anfangen würden, Steuern zu zahlen?“

so ist das freundlich formuliert Unsinn.

Diese reflexartige Äußerung zeigt m. E. eine erhebliche Unkenntnis der Situation, die so ist, dass sehr wohl auch die meisten Unternehmen Steuern zahlen. Und wenn ein großer Gewerbesteuerzahler durch Umzug in umliegende Gemeinden ausfällt, wird das an seinem bisherigen Standort regelmäßig beklagt. Warum wohl?

Es gibt natürlich auch Unternehmen, die keine Steuern zahlen. Warum das so ist, wäre aber einzeln zu untersuchen, sofern das Steuergeheimnis dies zulässt.

Pauschale Unterstellungen oder Mutmaßungen helfen da nicht. Sonst könnte man einem Mit-Kommentator ja auch entgegenhalten:

„Wie wäre es denn, wenn Sie und Ihre Freunde mal wieder anfangen würden, Steuern zu zahlen?“

02.07.2012
19:42
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
von Pucky2 | #9

Kooperation würde die Lage etwas entspannen, aber ist nicht das Grundproblem des Ruhrgebiets.
Das Grundproblem ist die viel zu späte Umstellung der Wirtschaft. Schon in den 60ern hätte man anfangen müssen, systematisch neben der Montanindustrie, andere Industriezweige ins Ruhrgebiet zu bekommen. Also in der Zeit, als aus dem Agraland Bayern ein modernes Industrieland wurde.

Jetzt hinkt man hinterher und träumt immer noch von großen Industrien, die direkt tausende Menschen beschäftigen. Das wird es aber nicht mehr geben. Arbeitskraftintensive Industrien wird es nur noch im billigen Ausland geben. Jetzt ist der Zug für die Ruhr abgefahren und es wird auf lange Zeit eine schwächelnde Region bleiben.
Bedankt euch bei den jahrzehntelang regierenden Roten!

02.07.2012
18:58
Mangelnde Kooperation im ÖPNV
von somjotien | #8

Beim ÖPNV muss begonnen werden. Die Situation im Ruhrgebiet ist eine Katastrophe. Kirchturmdenken wohin man schaut. Die Preise steigen ins Unbezahlbare. Hier braucht es eine durchgreifende Richtlinie - vielleicht sogar von Brüssel -, wenn es der Verkehrsverbund mit seinem ortsgebundenen Städtedenken nicht hinkriegt, dass man stadtübergreifend kostengünstig fahren kann.

Früher mußten die "Ständedünkel" abgeschafft werden - heute sind es die "Städtedünkel".

02.07.2012
17:21
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
von MalNachgedacht | #7

Klamme Kommunen?

Na, da hab ich doch glatt ne Lösung!
Wie wäre es denn, wenn Herr Grünewald und seine Freunde mal wieder anfangen würden, Steuern zu zahlen?

02.07.2012
16:41
Die Kommunen arbeiten längst da zusammen wo es sinnvoll ist
von meigustu | #6

Die paar Beispiele sind an den Haaren herbei gezogen und es fehlt jede Perspektive warum da ein Oberhäuptling besser ist. Im Zweifel läuft dass so wie bei den bisherigen Eingemeindungen. Die neue Großstadt lutscht die Kommunen für eine zentrales Prestigeobjekt aus. Das mag den Geltungssüchtigen FReude machen, die Bürger können darauf verzichten.

02.07.2012
13:49
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
von randori20 | #5

Viel wichtiger wäre die Zuständigkeit mehrer Regierungspräsidenten auf das Revier zu beenden und ein eigeigens Präsidium Ruhgebiet zu schaffen. Ansonsten belebt Konkurrenz eher das Geschäft.

Einkaufsgemeinschaften, das gibt es durchaus schon, die sind aber für den Handel vor Ort nicht unbedingt von Vorteil.

02.07.2012
13:02
Schwächelnde Ruhrgebietsstädte durch mangelnde Kooperation
von wohlzufrieden | #4

Erst aussaugen, dann Tränen absondern. (Ab)Sonderbar.

02.07.2012
12:38
Mein lieber Lison....
von schweinchen_schlau | #3

jetzt lauten Katzenjammer anstimmen, über Werteverfall, die schlechte Finanzsituation der Kommunen und ach so viele Behinderungen der regionalen Wirtschaft.

ABER - selbst jahrzehntelang Teil des Systems der Selbstbediener, Lobbyisten, Subventionsabgreifer und Entscheidungsbeschleuniger gewesen sein.

Wer schenkt ihnen eigentlich noch Gehör?

02.07.2012
11:26
Zu dem Interview mit Herrn Lison drei Hinweise, die mir zeigen... - II
von TreuerLeser | #2

„...wie die Debatte über den Solidaritätszuschlag gezeigt hat“.

Da hat Herr Lison die Debatte vor der Landtagswahl wohl selbst nicht durchschaut.

Es ging nämlich nicht um den Solidaritätszuschlag, sondern um den Solidarpakt. Und der Länderfinanzausgleich, der auch gerne in diesem Topf untergemischt wird, ist noch etwas anderes.

Mit dem Hinweis darauf, daß diese damalige Diskussion eigenes Versagen übertünchen sollte, hat er aber m. E. recht.

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