Schon der Uropa hat Fisch verkauft

Gar nicht so leicht, sich mit Helge Rademacher an seinem Fischwagen auf der Schloßstraße zu unterhalten. Der 44-jährige Markthändler hat alle Hände voll zu tun. Eigentlich wollte er gerade den Krabben-Cocktail fertig machen. Aber die Kunden, die sich mit Backfisch, Lachs, Rollmops, Scholle, Hering und Co eindecken wollen, kommen Schlag auf Schlag. Die meisten kennt er mit Namen. Und die Gespräche an der Fischtheke zeigen, dass er von vielen auch mehr weiß, als den Namen. Hier geht es nicht nur um Heringssalat oder Forelle, sondern auch um die eine oder andere Familien- und Krankengeschichte. „Einige Familien kaufen seit Generationen ihren Fisch bei uns“, erzählt Rademacher.

Er selbst stellt die vierte Generation einer Mülheimer Fischhändlerfamilie dar. „Schon mein Urgroßvater hat Fisch verkauft, aber nach mir ist Schluss“, sagt er. Denn Umsätze und Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Und das hat nicht nur mit dem bröckelnden Branchenmix in der Innenstadt zu tun.

Ab 1967 verkauften seine Eltern Elvira und Heinz ihren Fisch auf dem Rathausmarkt, der vor einigen Jahren auf die Schloßstraße verlegt wurde. Davor brachten die Rademachers ihre Fische mit einem Handkarren und später in einem Geschäft in Styrum an die Frau und den Mann. „Fisch, vor allem Hering, galt mal als Arme-Leute-Essen. Das ist heute ganz anders. Fisch ist teuer geworden, weil sich viele Länder nicht an ihre Fangquoten halten und die Meere leergefischt werden, um eine durch die großen Handelsketten gewachsene Nachfrage zu befriedigen“, beschreibt der Markthändler den Wandel im Fischgeschäft.

Der Wecker klingelt um 4.45 Uhr

Sein Fisch, den er dienstags, donnerstags und freitags auf der Schloßstraße und mittwochs sowie samstags auf dem Pastor-Luhr-Platz in Saarn anbietet, kommt aus dem Nordost-Atlantik über einen Fisch-Großhändler in Bremerhaven nach Mülheim.

Noch während Rademacher nach Marktschluss am frühen Nachmittag seinen Fischwagen ausräumt und den nicht verkauften Fisch im Kühlwagen verstaut, ordert er bei seinem Lieferanten bereits für den nächsten Markttag. Der beginnt zwischen 6 und 7 Uhr. Spätestens um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Denn der Marktwagen will vom Abstellplatz geholt und rechtzeitig bestückt sein, ehe die ersten Kunden kommen. Die Salatkreationen der Rademachers werden täglich frisch und ohne Konservierungsstoffe zubereitet.

„Wir stehen jeden Tag auf dem Markt, ob bei Hitze, Kälte, Eis oder Schnee. Meine Eltern waren 40 Jahre lang nicht in Urlaub, damit das Geschäft funktioniert“, macht Rademacher deutlich, was es bedeutet als Markthändler seine Brötchen zu verdienen. Er selbst gönnt sich maximal 14 Tage Urlaub, aber auch nicht in jedem Jahr. Doch einen Urlaub, den er 2004 auf Gran Canaria machte, möchte er auf keinen Fall vermissen. Denn damals lernte er dort seine spätere Frau Anja kennen. Seit zweieinhalb Jahren ist er stolzer Vater von Töchterchen Lia.

„Meine Familie gibt mir die Kraft immer wieder weiterzumachen“, sagt Helge Rademacher. Weil er ein Familienmensch ist, war es für ihn trotz seiner Ausbildung zum Zahntechniker auch klar, in das Familiengeschäft einzusteigen, als er Mitte der 90er Jahre erkannte, dass es seinen Eltern zunehmend schwerer fiel, den anstrengenden Fischhandel (eine Fischkiste wiegt locker 35 Kilo) alleine zu bewältigen. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn sich meine Eltern eines Tages übernommen hätten, weil ich ihnen nicht geholfen habe“, sagt er. Neben seiner „Bomben-Kraft“ Alexandra Weck steht ihm an diesem Tag auf der Schloßstraße seine 77-jährige Mutter Elvira zur Seite. Der zwei Jahre ältere Vater Heinz musste sich vor wenigen Jahren gesundheitsbedingt aus dem Geschäft zurückziehen.

Wenn man Helge Rademacher nach den prägenden Erlebnissen in seinem Leben fragt, erzählt er vom Zusammenhalt seiner Eltern, der auch in schwierigen Zeiten nie gebröckelt sei. Daraus hat er für sein eigenes Leben gelernt, wie aus seiner Zivildienstzeit in einem Altenheim. „Ich habe dort die Menschen getroffen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut und zu dem gemacht haben, was es heute ist“, betont er. Wenn er heute mit seinen Eltern und alten Menschen spricht, ist er immer wieder von ihrer Lebensleistung beeindruckt, davon, dass sie auch in Kriegs- und Nachkriegsjahren angepackt und den Lebensmut nicht verloren haben. „Alte Menschen müssten in unserer Gesellschaft viel mehr hofiert und nicht einfach links liegen gelassen werden“, findet er.