Schlafplatz hinter Stahltür und Riegel

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Es ist sauber, hell und dank der Fuß­bodenheizung 22 Grad warm, dreimal am Tag wird etwas zum Essen gereicht – freiwillig kommt hier ­dennoch niemand hin. Denn im Polizeigewahrsam in Essen landen auch diejenigen Mülheimer, die betrunken randaliert oder eine Straftat begangen haben – oder gegen die bereits ein Haftbefehl vorliegt.

Durch ein großes Rolltor geht es ins Innere des Traktes auf dem Innenhof des Polizeipräsidiums Essen/Mülheim; hinter den Fahrzeugen wird das Tor wieder heruntergelassen. „Die meisten werden mit dem Streifenwagen gebracht“, sagt Heinz Rudolf Steynes, der das Zentrale Polizeigewahrsam leitet. Mit ihm arbeiten 19 Polizeibeamte dort, von denen immer drei im Dienst sind – stets unbewaffnet. Denn zur Eigensicherung schließen sie ihre Dienstwaffen in ein Fach ein, bevor sie durch die Tür auf die langen Flure mit den Stahltüren gelangen. Zwei große Riegel verschließen jede Zelle, von denen es auf vier Etagen 24 zur Einzelbelegung und drei für Gruppen gibt, sagt Steynes. Ganz voll sei es allerdings selten.

200 Insassen jeden Monat

Rund 200 Insassen verbringen dort jeden Monat bis zu 48 Stunden im Gewahrsam. Den Anteil der Männer schätzt der Leiter auf 80 bis 90 Prozent. „Hinzu kommen dann die Frauen, die randaliert haben oder auch junge Taschendiebinnen“, sagt er. Ob männlich oder weiblich, wenn sie erst einmal bei ihnen angekommen sind, leisten sie kaum Widerstand. Für den Ernstfall sind zwar Alarmleisten an den Wänden angebracht, um Unterstützung zu rufen. „Aber Auseinandersetzungen gibt es hier eher selten.“ Und dennoch müssen die Polizeibeamten durchaus ein dickes Fell und Geduld haben, denn Beleidigungen bleiben nicht aus.

Bitten können die Insassen aus ihrer Zelle per Rufknopf äußern: Wer eine Decke oder seinen Anwalt anrufen will, wird mit dem Wachraum in der fünften Etage verbunden. Dort blicken die Polizisten auch auf die Monitore, sehen auf den Bildschirmen die Flure und in die Zellen, in denen Kameras installiert sind. Besteht akute Gefahr, dass der Insasse sich selbst verletzt, kann er zudem am Boden fixiert werden. Zum Selbstschutz sind die sieben Ausnüchterungszellen im Erdgeschoss allerdings ohnehin nur karg ausgestattet. Außer den weißen, leicht abwaschbaren Fliesen gibt es eine etwas erhöhte Schlafstelle und eine in den Boden eingelassene Toilette, deren Spülung per Bewegungsmelder ausgelöst wird.

17 Einzelzellen in den Obergeschossen haben immerhin ein gemauertes Bett mitsamt Matratze und mit richtiger Toilette. Durch ein Fenster fällt Licht ins Innere, „das Glas ist durchschlagsicher“, erklärt Steynes. Davor sind dennoch Gitter angebracht. Jede belegte Zelle wird mindestens alle zwei Stunden kon­trolliert, wenn notwendig, auch öfter. Dreimal am Tag öffnet sich zudem die Durchreiche in der Tür, wenn es Frühstück, Mittag- und Abendessen gibt, das die Justizvollzugsanstalt liefert. Im Notfall bereiten die Beamten auch mal Fertiggerichte zu. Bei Bedarf können die Insassen duschen und sich umziehen.

Wer seinen Rausch ausgeschlafen hat, für den öffnet sich die Stahltür. Vorausgesetzt, er hat keine Straftat begangen. Dann etwa prüfe ein Richter, ob ein Haftgrund vorliegt: In solchen Fällen werde der Betroffene vernommen, anschließend entlassen, oder ins Gefängnis gebracht. Grundsätzlich aber landet bei jedem, der ins Gewahrsam komme, ein Fax beim Gericht, sagt Steynes.

So wie bei dem Mann, der am Morgen unseres Besuchs die Zelle 11 belegt. Seine Turnschuhe stehen vor der Stahltür, am Haken hängt seine Jacke. Über dem Türrahmen zeigt das rote Licht an, dass diese zwölf Quadratmeter belegt sind. Abgefunden hat sich deren Kurzzeitbewohner mit seiner Situation im Augenblick noch nicht. Er hämmert gegen die Tür und brüllt.

Zu Hause hat er zuvor zu viel Alkohol getrunken und anschließend seine Frau geschlagen. Die zur Hilfe gerufenen Polizeibeamten fuhren mit dem Mann im Streifenwagen durch das Rolltor.