Roberto Ciulli: "Wir wollten nicht verletzen. Niemanden."
08.10.2009 | 09:12 Uhr 2009-10-08T09:12:00+0200
Mülheim. Erstmals äußern sich Roberto Ciulli und Helmut Schäfer vom Theater an der Ruhr im Interview: Warum die beiden Theaterleiter finden, dass das zentrale Stück ihrer umstrittenen Fassbinder-Inszenierung gar nicht "Der Müll, die Stadt und der Tod" war und warum Applaus verstörend sein kann.
Mit der Premiere am 1. Oktober hat das Theater an der Ruhr drei Werke von Rainer Werner Fassbinder in einer nie gesehenen Mischung auf die Bühne gebracht, darunter mit „Der Müll, die Stadt und der Tod” eines, das seit den 80ern heftig umstritten war, weil ihm antisemitische Tendenzen nachgesagt wurden.
Die Feuilletons der Republik sind sich heute einig: diese Lesart sei nicht haltbar, der Versuch mithin gelungen, wenn auch, wie manche schrieben, überflüssig. Für Mittwoch hat sich die britische BBC angekündigt, aus Italien reist ein Team an. Hat es sich also gelohnt, den öffentlichen Druck, vor allem des Zentralrats der Juden in Deutschland, auszuhalten?
Erstmals sprachen die Theatermacher Roberto Ciulli und Helmut Schäfer jetzt mit NRZ-Redakteur Detlef Schönen darüber, was sie zu dem Fassbinder-Abend bewogen hat und was vielleicht Missverständnisse verhindert hätte.
Am 1. November wird es diese Möglichkeit für viele geben: In einer Matinee (12 Uhr, Theater an der Ruhr) soll Gelegenheit zu einem abgeklärteren Gedankenaustausch sein, als er vorab möglich schien.
Der Skandal ist ausgeblieben, die Inszenierung kam an. Zufrieden?
Roberto Ciulli: Die harte Zeit kommt erst noch. Während des Werdens ist für uns alle die Inszenierung im Kopf, Tag und Nacht. Es ist wie in einem Tunnel und rasend schnell. Jetzt kommt die Erschöpfung.
Sie haben sich vor der Premiere kaum geäußert.
Helmut Schäfer: Wir durften nicht in die Skandalfalle laufen. Alles, was wir gesagt hätten, wäre auf eine vorbestimmte Wahrnehmung getroffen.
Ciulli: Wenn Theaterleute in diesem Tunnel stecken, gibt es sowieso nur eine Überlegung: Das Ding muss raus.
Jetzt ist es draußen. Und die Frage bleibt: Warum haben Sie diesen Fassbinder gemacht? Sie wussten um die Wirkung von „Der Müll, die Stadt und der Tod”.
Ciulli: Ja, aber darum ging es uns doch gar nicht. Das hätte ich solo nie inszeniert. Dieses Stück ist zwar das Zweite des Abends, aber es steht keineswegs im Mittelpunkt.
Schäfer: Unser Ausgangspunkt war ein ganz anderer...
Ciulli: ... das erste Stück, „Nur eine Scheibe Brot”.
Warum?
Ciulli: Es ist ein Drama, das Fassbinder mit zwanzig Jahren geschrieben hat! Es ist ein im Grunde unbekanntes Stück, viel unbekannter als „Der Müll, die Stadt und der Tod”. Darin hat Fassbinder bereits die Unmöglichkeit erkannt, den Holocaust mit den Mitteln der Bühne zu hinterfragen, weil alles bei uns zu Hollywood wird und werden muss, damit wir es ertragen.
Das Stück schrieb Fassbinder vor 43 Jahren.
Ciulli: Eben! Seitdem hat sich nichts verändert, es ist nur noch schlimmer geworden. Das Leben ist rosa, der Schrecken ist rosa, die Realität erreicht uns nur noch verpackt, meistens in Tüll und Schleifen eingebunden, damit es nicht so grausam ist. Das Skandalstück in unserem Fassbinder ist nicht Müll, Stadt, Tod. Das Skandalstück ist dieses, weil es genau trifft und präzise beschreibt. In Verbindung mit den anderen entsteht eine Anklage Fassbinders gegen Oberflächlichkeit, Teilnahmslosigkeit und gegen den Antisemitismus, natürlich gegen.
Das kam so nicht über.
Ciulli: Das haben wir gemerkt. Als der Vertreter des Zentralrats die Probe besuchte, hat er zu den ersten anderthalb Stunden, zu diesem Stück, nichts gesagt. Der hat nur auf sein Politikum gewartet, auf die paar Sätze in einem Text, der mit dem inszenierten Text auf der Bühne nie in der Wirkung übereinstimmt.
Gleichwohl, es gibt einen schlimmen Moment, es muss ihn geben.
Ciulli: Welchen?
Den, wo der Applaus einsetzt für die Inszenzierung. Wären Nachkommen des Holocaust im Publikum, für sie wären die Figuren keine Projektionsflächen, das Gesehene Erlebtes und Beifall verletzend.
Ciulli: Ja, das ist richtig. Tatsächlich haben wir den Applaus ja mit zwei Vorhängen bewusst kurz gehalten, aber es wäre eine noch sinnvollere Geste gewesen, ganz darauf zu verzichten. Ich hätte nur zu Beginn etwas sagen müssen ... Und ich glaube, Publikum und Ensemble hätten das nicht nur verstanden, sondern auch gut gefunden.
Sie wollten nicht verletzen.
Ciulli: Wir wollten nicht verletzen. Niemanden.
Sie wollten...
Ciulli: Ich will immer etwas erzählen. Eigentlich bin ich ein Mann des Films und am Theater hängengeblieben. Ich habe immer schon das Interesse an dem Unverstandenen gehabt und den Wunsch, unwahre Wirklichkeiten zu benennen, so wie bei Fassbinder, der nie Antsemit war.
Schäfer: Das ist der rote Faden unserer Theaterarbeit. Ob wir nun Lenz oder Horvath oder Fassbinder inszenieren; es geht darum zu zeigen, wie geistige Verwahrlosung um sich greift und mit dem Verfall von Sprache einhergeht. Das war es auch, was uns fasziniert hat, als wir „Nur eine Scheibe Brot” in die Hand bekamen. Wir fassen viel Material an und stellen es wieder ins Regal zurück. Dieses nicht. Dieses musste gezeigt werden.
Die nächsten Aufführungen sind am 9., 10. und 15. Oktober (19.30 Uhr), Theater an der Ruhr, Raffelbergpark

08:56
sicher, kunst an der kette darf es nicht geben, wenn bestimmte grenzen eingehalten werden. da gehe ich mit. aber den batzen kulturetat so einseitig zu verteilen, entzieht anderen projekten die basis zur präsentation, so dass der bürger niemals deren nutzen oder das gefallen daran beurteilen kann. hier geht es mir um die gerechte verteilung der mittel.
ein beispiel: die mülheimer künstler erhalten für wenig miete ihre ateliers in ausgesuchter umgebung wie schloss styrum oder bismarckturm. hierbei gibt es die auflage, sie mögen sich regelmässig um die stadteilarbeit bemühen und offene projekte anbieten. dies tun die einen mehr, die anderen weniger, aber es gibt diese auflage.
beim theater an der ruhr ist dies anders. einen laden in der größe regelmässig voll zu kriegen ist nicht schwer, dazu eine ausserordentliche location und alles ist wunderbar, ein traum. so kann phantasieren, minderheitenprogramm machen und trotzdem gefeiert werden. müsste dieses theater aber auch nur die hälfte von dem was es verschlingt selbst erwirtschaften, wäre das wertvolle theater an der ruhr gescheitert. bei unseren künstlern liegt der fall teilweise ganz anders. so muss der ruhrpreisträger lubo laco ständig am eigenen existenzminimum rum krakseln und um jedes weitere projekt betteln. besitzende und weniger talentierte künstlerInnen aus der szene vor ort schauen gerne auf ihn herab, denn sie haben andere connections und beziehung zu den töpfen der macht. das ist ungerecht und bedarf einer korrektur. auch in hinsicht auf ciulli.
18:19
@ #3 baumjohann
Das ist ein häufiger Irrtum: Kunst auf der einen Seite und
a) Nachweis des allgemeinen Nutzens für die Mülheimer sowie
b) Berufung auf öffentliche Förderung der Kultureinrichtung.
Ich denke, Kunst und allgemeiner Nutzen sind wie Feuer und Wasser. Kunst kann sich nicht entfalten, wenn sie der Allgemeinheit nutzen soll. Das hatten wir im Dritten Reich und in der DDR.
Am besten kann Kunst sich entfalten, wenn die Geldgeber keine Vorgaben machen. Wer nicht akzeptiert, dass schon von Verfassungs wegen die Kunst frei ist, kann keine Kunst erwarten. Er wird nur Unterhaltung einkaufen.
Ich kann nicht beurteilen, ob in dem von Ihnen geschilderten Umfang öffentliche Mittel in die Produktionen des Theaters an der Ruhr fließen. Meine letzten Informationen stammen aus der Zeit der Theatergründung, als propagiert wurde, dass es sich bei dem TR um eine sich selbst tragende Einrichtung handeln sollte.
Wenn das also nicht so ist, legen die Geldgeber gleichwohl den Künstler nicht an die Kette. Ihm redet offenbar der Rat der Stadt nicht in sein künstlerisches Wirken herein. Das finde ich richtig.
Da es sehr viele unterschiedliche Kunstrichtungen gibt, wird das Publikum die eine Richtung mögen, die andere ablehnen. Das ist auch in Ordnung. Man muß die im Theater an der Ruhr unter der gegenwärtigen Leitung gespielten Stücke nicht mögen. Aber dann geht man dort nicht hin.
Viele andere gehen begeistert hin. Das finde ich auch gut. Ich gehe wahrscheinlich nie wieder hin. Wahrscheinlich mag ich bestimmte Dinge, die Sie ansprechen, auch nicht. Aber ich möchte, dass die Kunst frei bleibt - selbst wenn ich bestimmte Künstler oder deren Wirken nicht mag.
12:24
weil ich böse auf das system ciulli allgemein bin und weil er seine altmännerinteressen so einfach durchsetzen kann und dafür auch noch beifallshaschend bestätigung braucht. wenn man die verteilung des kulturetats sieht, wird man feststellen, dass hier gefühlte 80 % zu dieser einrichtung gehen. da haben sich alte spezies irgendwas geschworen und deshalb wird ohne nachweis des allgemeinen nutzen für die mülheimer weiterhin überwiegend dieses projekt gefördert inkl. seiner reisen in israelfeindliche länder. desweiteren stört mich sein gehabe und sein frauenfeindlicher führungsstil. dies hat in einer öffentlich geförderten kultureinrichtung nix verloren. deshalb und aus vielen anderen aspekten bin ich auf herrn ciulli und seinem nationalen chauvinismus böse.
09:24
@ #1 baumjohann
Warum so böse?
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11:17
händerringend sucht der kleine zirkusdirektor die aufmerksamkeit der öffentlichkeit. das ist schon fast peinlich, hat er sich doch ein solch skandalträchtiges projekt ausgesucht. was bleibt ist die erkenntnis das übrerregional die fassung seines fassbinders so belanglos wie der berühmte sack reis bewertet wird. der verfasser ist und bleibt mist und war seinerzeit völlig überschätzt, ciulli wird immer belangloser und der stoff ist es letztendlich auch.
nur schade, dass die hiesige provinzjournalie das nicht merkt und seid wochen auf feuilleton macht. oder ist es vielleicht weil in den herbstferien wg. kollektiver abwesenheit unserer führungsgang die schlagzeilen fehlen? wird hier ein saures gurken thema bereits jetzt künstlich aufgebauscht? ihr solltet eure namensliste der berichtenswerten mülheimer menschen mal erweitern..