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Proteste gab es nicht

04.01.2010 | 19:08 Uhr
Proteste gab es nicht

Mülheim. Bevor Hedwig und Selma Heimann ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert wurden, verbrachten die Zwillinge fast zweieinhalb Jahre in einem Judenhaus.

Die Realschule Stadtmitte gab 2003 mit ihrer Geschichtsaufarbeitung den Anstoß zur Mülheimer Stolpersteinaktion. Zuletzt verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine am 6. Dezember für die Mülheimer Initiative für Toleranz 21 Gedenksteine. Seitdem wird mit 73 Steinen an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Die NRZ beschreibt in einer Serie das Schicksal der NS-Opfer, derer mit diesen Steinen gedacht wird. Grundlage ist die Dokumentation des MIT-Arbeitskreises.

Aus dem Leben von Hedwig und Selma Heimann ist wenig bekannt, da sie, wie so viele Opfer, weder wohlhabend waren, noch in der Öffentlichkeit standen. Ob sie unverheiratet blieben, weiß man nicht. Es gibt viele Leute mit diesem Namen, einige schreiben sich mit Y, ob sie verwandt waren, ist offen. Im Archiv der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem, wo Gerhard Bennertz recherchierte, fand er nichts.

Geboren wurden die Zwillinge am 1. März 1877 in Mülheim als Kinder der Eheleute Hermann und Henriette (geb. Steinwasser) Heimann. Die deutsch-jüdische Familie wohnte vermutlich bis 1919 an der Schreinerstraße 10, bis sie zur Hindenbergstraße 78 (heute Friedrich-Ebert-Straße) zog. Die Geschwister Heinmann waren später als Fürsorgerinnen der jüdischen Gemeinde tätig und in diesen Kreisen bekannt und beliebt.

In der Nacht vom 27. Februar 1940 wurden sie aus dem Haus geholt und in das ehemalige Haus der Heilsarmee an der Köhle 16 (die Straße verschwand durch die Neuordnung des Hans-Böckler-Platzes in den 70er Jahren) transportiert. Mit sich nahmen sie nur das Lebensnotwendige.

Zwischenstation auf dem Weg ins Vernichtungslager

Das Gebäude des ehemaligen Metzgers Abraham Meyer war eines von zehn Judenhäusern in Mülheim. Diese Art Zwischenstationen auf dem Weg ins Vernichtsungslager sind durch den Film Rosenstraße von Margarethe von Trotta bekannt geworden. In dem Film wird der Protest vor einem solchen Haus in Berlin thematisiert. In Mülheim gab es einen solchen Protest nicht.

Ermöglicht wurde diese Zwischenform der Internierung in einer Anordnung von Hermann Göring vom 28. Dezember 1939. Darin hieß es: Die Zusammenlegung von Juden in einem Haus ist erwünscht.” Nach den Recherchen von Barbara Kaufhold durchliefen 144 der 290 aus Mülheim deportierten Juden eine solches Judenhaus. Jede Familie bewohnte ein Zimmer und verbrachte dort mehrere Monate. Die Nazis richteten solche Häuser ein, um Juden kontrollieren zu können, ihnen die Flucht zu erschweren, die Arisierung des jüdischen Besitzes zu erleichtern und um die spätere Deportation reibungsloser organisieren zu können. An der Köhle waren 18 Personen untergebracht.

Über das weitere Schicksal ist nichts bekannt

Zweieinhalb Jahre später, am 23. Juni 1942, wurden die beiden zwangsweise in einem anderen Judenhaus am Schapenberg 42 einquartiert. Auch dies war eine ehemalige Metzgerei. Zwei SA-Leute waren dort neben den 15 jüdischen Menschen untergebracht. Die Deportation begann stets am Morgen mit dem Vorfahren eines Lastwagens. Dort blieben sie nur vier Wochen lang. Am 21. Juli 1942 wurden die Zwillinge ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Über das weitere Schicksal ist nichts bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass sie dort ermordet wurden. Sie wurden 1945 für tot erklärt.

Steffen Tost

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