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Per Anhalter durch den alten Orient

11.01.2016 | 19:35 Uhr
Per Anhalter durch den alten Orient
Hans Schiffmann lässt den Projektor laufen und kommentiert seinen historischen Streifen „1000 und eine Nacht“.Foto: Ute Gabriel / Funke Foto Services

Mülheim.   1962 unternahm Hans Schiffmann eine lange Reise in den Libanon und drehte einen Kurzfilm. Flüchtlinge von heute begrüßt er gerne auf Arabisch

Wenn Hans Schiffmann zu Fuß in der Stadt unterwegs ist, begegnet er oft Flüchtlingen, deren Heimat er im arabischen Raum vermutet. „Dann grüße ich die Leute spontan auf Arabisch“, berichtet der 78-Jährige, „und ernte stets ein freundliches Lächeln...“

Die wenigen Vokabeln, die Schiffmann beherrscht, erwarb er auf einer langen Reise, die fast fünfeinhalb Jahrzehnte zurück liegt, ihn aber bis heute prägt. 1962, kurz nach Abschluss seines Energietechnik-Studiums, machte er sich auf in den Libanon, kein zufälliges Ziel: Seine Schwester war bei der Deutschen Botschaft in Beirut beschäftigt. Der damals 25-jährige verwendete eigene Ersparnisse für die Tour, und damit die Kosten im Rahmen blieben, reiste er per Anhalter. „Bewusst gut gekleidet“, in weißem Hemd, ordentlicher Hose und adrettem Jackett, ausstaffiert mit einem aufrollbaren Wimpel: „Student nach Beirut“.

Über Österreich und Griechenland nach Beirut

So gelangte Hans Schiffmann über Österreich, das ehemalige Jugoslawien und Griechenland nach Beirut. „Die letzte Etappe entschied ich, bei kleinem Geld auf einem Frachtschiff zu verbringen.“ Kostenlos nächtigen durfte er bei einem Kollegen der Schwester.

Der junge Mann, begeisterter Amateurfilmer, war mit minimalem Gepäck unterwegs: Außer einer Reisetasche hatte er lediglich seine Schmalfilmkamera dabei und einige überlagerte Farbfilme, die ihm ein Mülheimer Fachgeschäft billig überlassen hatte. Diese Ausrüstung nutzte er für Landschaftsfilme und recht abenteuerliche Unterwasseraufnahmen (die Kamera wurde untergebracht in einer Taucherbrille und eingeschnürter Fußballblase), aber auch zur Produktion eines kleinen Spielfilms: „1000 und eine Nacht“.

Auf der Suche nach einem imaginären Wüstenschatz

Der Streifen entstand an verschiedenen Schauplätzen, die Schiffmann im Laufe mehrerer Monate erkundete: in Bethlehem, Damaskus oder der jordanischen Wüste. Da er selber als Hauptdarsteller auftritt – er mimt einen jungen Mann, der die Reise nur träumt und sich auf die Suche nach einem imaginären Wüstenschatz macht – gab er unterwegs völlig fremden Leuten die Kamera in die Hand. Manche sprachen nur Arabisch, man verständigte sich „mit Händen und Füßen“, aber alle seien äußerst hilfsbereit gewesen.

Wenn Schiffmann nun seinen tonlosen Film über einen surrenden Projektor laufen lässt, erscheint auf der Leinwand eine verschwundene Welt. So kraxelt er, in weißem Hemd und ordentlicher Hose, bei glühender Hitze durch die jordanische Felsenstadt Petra. Heute ist sie touristisch umlagertes Weltkulturerbe, damals war der junge Mülheimer dort fast alleine auf weiter Flur. Er übernachtete im Sand, wurde von einem Beduinen samt Kamel geweckt. Was Schiffmann vor Ort besonders beeindruckte, war die Hilfsbereitschaft der Menschen, die ihn – etwa auf der Rückreise durch Syrien – vielfach kostenlos mitfahren oder sogar bei sich übernachten ließen. Vier Monate war er unterwegs und erlebte „nur nette Begegnungen“.

Den Kurzfilm hat er bislang erst wenige Male im privaten Kreise gezeigt. Wenn sich die Gelegenheit ergibt, würde er ihn auch gerne Flüchtlingen vorführen. Leuten, die so jung sind, wie er damals war. „Die Reise“, so der 78-Jährige, „wird bis zu meinem Lebensende in positiver Erinnerung bleiben.“

Mit 78 noch als Firmenchef aktiv

Mit nunmehr 78 Jahren ist Hans Schiffmann immer noch berufstätig: Er führt seine eigene Firma „Funktionslicht“, 1970 gegründet, nachdem er zuvor als Licht-Ingenieur bei Philips in Hamburg tätig war und später die Lichtabteilung bei AEG in Essen geleitet hatte.

Ursprung der beruflichen Selbstständigkeit war, wie er berichtet, die Entwicklung eines eigenen Leuchtenprogramms für Rasterdecken. „Funktionslicht“ startet sehr erfolgreich, hatte bis zu 25 Mitarbeiter, aber auch eine Firmenpleite musste Hans Schiffmann zwischenzeitlich verkraften.

Zu Referenzprojekten, die er und sein Team mit architektonisch passenden Lichtquellen bestückten, gehören das Essener Aalto-Theater, das Spielcasino Hohensyburg, das Mülheimer Rathaus und beispielsweise auch der historische Marmorsaal in der Stadthalle. Für diesen Raum wurde 1991 ein Kronleuchter mit vier Metern Durchmesser gefertigt. Auch an der Ausleuchtung des Neubaus der Hochschule Ruhr West wirkt Schiffmanns Firma mit.

Verabschieden musste sich der passionierte Bastler allerdings von einem anderen Tätigkeitsbereich: der Ausleuchtung von Kirchen. Insgesamt 72 katholische wie evangelische Gotteshäuser hätten sie im Laufe der Unternehmensgeschichte ausgestattet, erklärt der Lichtingenieur, zehn davon in Mülheim. Aber das Geschäft mit Kirchenleuchten sei „in heutiger Zeit drastisch zurückgegangen“.

Annette Lehmann

Kommentare
12.01.2016
11:12
Per Anhalter durch den alten Orient
von wanderfalke2001 | #1

schön. jetzt war er inner Zeitung. Werbung hat er gehabt und frau Lehmann kriegt ne lampe.

und tschüss und nicht wieder 10 Wochen den Artikel drin...
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Per Anhalter durch den alten Orient
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2016-01-11 19:35
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