Ohne Hoffnung
25.11.2009 | 17:36 Uhr 2009-11-25T17:36:00+0100Die Zahl der an Depressionen leidenden Menschen steigt. Ein Grund: die Belastung am Arbeitsplatz.
Wer an Depressionen leidet, der wird oft nicht richtig ernst genommen. „Fahr in den Urlaub” oder „Kauf dir ein Buch” sind Ratschläge, die Außenstehende gut meinen, die aber depressiven Menschen nicht helfen. Das zeigt auch der Film „Helen”, der heute in den deutschen Kinos anläuft. Der Film, in dem eine beruflich erfolgreiche und scheinbar glückliche Familienmutter erkrankt, macht deutlich: Depressive Menschen sind nicht unglücklich, sondern krank, und ihre Zahl steigt.
Die DAK gab jetzt bekannt, dass besonders bei Männern seit dem Jahr 2000 die Anzahl der Fehltage aufgrund von seelischen Leiden um 12,5 Prozent stark angestiegen ist. Bei depressiven Störungen ist der Anstieg mit 26,2 Prozent sogar noch höher. Dabei handelt es sich nur um die Zahl der bekannten Erkrankungen. Frauen gingen offensiver mit seelischen Krankheiten um als Männer, heißt es in der Pressemitteilung der DAK. Männer hingegen seien vom Drang nach Erfolg und ständiger Leistungsbereitschaft dazu getrieben, Depressionen zu verheimlichen. Die Dunkelziffer ist Vermutungen zufolge hoch.
Auf Anfrage bestätigten auch die Barmer und die AOK aus Mülheim einen Anstieg der depressiven Erkrankungen bei ihren Versicherten. Aus dem Gesundheitsreport 2009 der Barmer geht hervor, dass der Krankenstand in der Diagnosegruppe „Psychische Verhaltensstörungen” in den letzten Jahren um 51 Prozent angewachsen ist. Damit liegen psychische Erkrankungen schon auf Platz zwei der wichtigsten Erkrankungen, nach Muskel-Skelett-Erkrankungen. Vom Jahr 2003 bis zum Jahr 2008 hat sich der Anteil der Fehlzeiten aufgrund psychischer Krankheiten von 11,1 Prozent auf 16,8 Prozent erhöht, so die Statistik der Barmer. „Wir in Mülheim liegen mit 15,7 Prozent etwas unter dem Durchschnitt”, sagt Norbert Misiak von der Barmer. 37 Prozent der Frauen und 25 Prozent der Männer seien innerhalb eines Jahres von psychischen Störungen betroffen.
Den Anstieg bestätigen kann auch die AOK. Jedoch differenziert deren Statistik ebensowenig zwischen Frauen und Männern, wie der Barmer Gesundheitsreport. „Die Entwicklung ist noch nicht dramatisch”, sagt Joachim Langer von der AOK. In 2009 kämen in Mülheim 3,15 Fälle psychisch Erkrankter auf 100 Versicherte. 2008 lag die Zahl noch bei 3,04. Was nach keinem großen Anstieg klingt, liest sich mit Bezug auf die Dauer der Erkrankungsfälle schon anders. 30 Tage fehlen die Mülheimer im Durchschnitt bei psychischen Erkrankungen. Im gesamten Rheinland liegt die Fehlzeit durchschnittlich nur bei knapp 25 Tagen.
Nicht nur den Krankenkassen fällt auf, dass die Zahl psychischer Kranker zunimmt, Unternehmen sind ebenfalls betroffen. „Auch bei uns gehen die Zahlen nach oben”, so Kerstin Reuland von Siemens in Mülheim. Als Grund nennt sie vor allem die steigende Belastung am Arbeitsplatz. Diese Ursache beschäftigt auch die Barmer. Den steigenden Zahlen psychisch Erkrankter könne zum Beispiel dadurch entgegen gewirkt werden, dass Konflikte am Arbeitsplatz erkannt und behoben würden, heißt es.

0mitdiskutieren