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Gott & die Welt

Nie wieder Fußmatte

11.08.2009 | 20:56 Uhr

Heinrich Weidenheimer verkauft nicht nur die Obdachlosenzeitung, sondern plaudert auch gerne nit seinen Kunden. Sein Erkennungszeichen, einen Zylinder, hat er erst mal gegen eine sommerliche Kopfbedeckung eingetauscht.

Er ist Stadtgespräch. Kein Wunder, schließlich fällt Heinrich Weidenheimer auf: Er ist der Mann mit dem Zylinder, der in der City die Obdachlosenzeitung „fiftyfifty" verkauft. Der 60-Jährige ist aber nicht nur der, über den man spricht, sondern vor allem der, mit dem man spricht. Tag um Tag steht er an der gleichen Stelle, wirbt für seine Zeitungen - und plaudert. Wenn man neben Weidenheimer steht, geht andauernd seine Hand hoch. Da wird einer älteren Dame zugewinkt, einem Mann freundschaftlich auf die Schulter geklopft, eine scherzhafte Bemerkung herübergerufen- alles Anlässe für eine kleine Plauderei. Er ist das Stadtgespräch. Zeit für ein Gespräch über das Gespräch.

Weidenheimer ist zwar nicht obdachlos, aber Hartz IV-Empfänger. Durch den Verkauf der Zeitungen bessert er sein Einkommen etwas auf. Von den 1,80 Euro, die die Leser zahlen, geht die Hälfte an ihn. Aber genauso wichtig wie der Verdienst ist für Weidenheimer der Kontakt zu den Menschen. Es heißt: Nur sprechenden Menschen könne geholfen werden. Braucht Weidenheimer solche Hilfe? Bei seiner Antwort holt der 60-Jährige in die Vergangenheit aus: Früher wollte ich allein sein. Ich saß in der Kneipe und wollte trinken. Sicher, ich habe Sprüche geklopft. Aber an wirklichen Gesprächen war ich nicht interessiert. Denn was sollte ich sagen, wenn die Leute von ihrem Urlaub oder anderen Freizeitaktivitäten gesprochen haben? Für mich gab es ja nur trinken und spielen. Den Rest habe ich verdrängt. Irgendwann bin ich dann ganz zuhause geblieben. Weidenheimer war spielsüchtig. Ich habe nur noch ans Spielen gedacht. Einmal habe ich 32 000 Mark gewonnen, ein paar Tage später war alles schon wieder weg. Das war egal. Aber hat denn niemand in seinem Umfeld gemerkt, wie er immer mehr abrutscht? Wir Spieler sind gute Schauspieler. Uns merkt man nicht an, wenn wir gerade verloren haben. Die Fassade nach außen stimmt. Doch irgendwann ging es nicht mehr. Im Sozialamt hat man Weidenheimers Geschichten nicht mehr geglaubt: Ich war unglaublich geschickt darin, mir Gründe auszudenken, warum die mir einen Lebensmittelscheck geben sollen. Ich hatte ja kein Geld. Aber dann hieß es: „Sie kriegen nichts mehr, sie müssen zur Therapie." 

Das ist jetzt zehn Jahre her. Augenscheinlich hat die Therapie geholfen. Wenn man Heinrich Weidenheimer heute sieht, steht einem ein freundlich lächelnder Mann gegenüber. Was macht für ihn heute ein gutes Gespräch aus? Ehrlichkeit ist die Bedingung,. Zu dem anderen, aber vor allem zu sich selbst. Deswegen verschweige ich auch nicht meine Vergangenheit. Jeder macht Fehler. Das Leben besteht aus Höhen und Tiefen. Das Leben ist ein Kampf. Hat er diesen Kampf gewonnen? An den Spieler und Alkoholiker, der zeitweise auf der Straße leben musste, weil seine Wohnung zwangsgeräumt wurde, erinnert zumindest nichts mehr. Wann setzte der Wechsel ein, was ist heute anders als früher? Jetzt lebe ich erst richtig. Und ich weiß jetzt: Das ist ein super Leben. Super Leben? Weidenheimer ist arbeitslos, bezieht Hartz IV, wird später kaum Rente bekommen und gesundheitlich - Folgen der Sucht - ist er auch angeschlagen. Man muss einen Sinn für die Kleinigkeiten haben. Die Natur kostet kein Geld. Ich gehe gerne spazieren. Und ab und an leiste ich mir mal einen Kaffee. Sicher, das klingt vernüftig. Aber ist Heinrich Weidenheimer wirklich zufrieden? Ich führe jetzt ein Leben, von dem ich vor drei Jahren nicht geglaubt hätte, dass es möglich wäre. Zuerst habe ich hier nur die Zeitungen verkauft und weiter in Hagen gewohnt. Doch es hat mir so gut gefallen, dass ich hier hingezogen bin. Die Mülheimer haben mir gefallen. Ich bin mit vielen ins Gespräch gekommen, einige sind zu Freunden geworden. Mittlerweile kenne ich so viele, dass sogar Alteingesessene zu mir kommen, wenn sie Hilfe brauchen. Eine ältere Dame hat mir von Problemen mit ihrer Bank erzählt, die habe ich dann zur Verbraucherzentrale geschickt. 

Glück? Der 60-Jährige ist in einen Schachverein eingetreten, macht im Behindertensportverein mit und für die kommende Bundestagswahl hat er sich als Helfer registrieren lassen. Was macht dieses neue Leben für ihn schön?

Ich habe einen festen Tagesablauf. Ich habe etwas, worauf ich mich am nächsten Tag freuen kann. Allerdings an Samstagnachmittagen, wenn ich nichts zu tun habe, falle ich schon mal in ein Loch. Was vermisst er? Kinder hätte ich gerne gehabt. Ich mag Kinder sehr gerne. Schaut er da nicht ärgerlich zurück, hätte es nicht immer so sein können wie jetzt? Ich kann nur jedem raten, sich nicht mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Was vorbei ist, ist vorbei. Wichtig ist die Gegenwart und die Zukunft. Man kann sein Leben ändern. Natürlich hat man Angst vor Veränderungen. Ich musste erst ganz tief unten sein, um etwas zu ändern. Aber es geht. Es gibt also Wendepunkte. Wird man plötzlich wach und denkt, ich muss mein Leben ändern? Oder ist das ein schleichender Prozess? Kennen Sie die Szene aus dem „Hauptmann von Köpenick?" Er überlegt, was er wohl Gott sagen müsste, wenn der ihn fragt, was er aus seinem Leben gemacht hat. Seine Antwort: Ich wollte nicht mehr „Fußmatte" sein.

Apropos Gott, ist Heinrich Weidenheimer gläubig? Nein, als religiös würde er sich nicht bezeichnen. Aber er hat Hoffnung. Die braucht er auch. Meine Rente wird sehr klein sein. Außerdem habe ich Probleme mit der Wirbelsäule. In zehn Jahren werde ich wahrscheinlich nicht mehr so lange stehen und die Zeitungen verkaufen können. Da macht man sich natürlich Gedanken. Aber ich versuche, die jetzige Situation zu genießen.

Nach einer Pause folgt ein weiterer Satz: Nichts ist Zufall. Nur wegen meinem früheren Leben kann ich mein jetziges genießen. Ich glaube, dass wir geleitet werden. Allerdings ist die Leitung manchmal gewöhnungsbedürftig.. Man müsste mit dem Herrn oder der Dame mal ein Gespräch führen.

Würde es zu einer solchen Begegnung in der City tatsächlich kommen, man kann sicher sein, sie wäre Stadtgespräch.

Sebastian Sasse

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