Neugier, Neigung, Niedertracht

Drei Frauen, drei Generationen und der Schatten der Vergangenheit - das erinnert an Marianne Salzmanns Muttersprache Mameloschn, das vor zwei Jahren den Publikumspreis erhielt - und doch liegen zwischen den Stücken Welten. Ewald Palmetshofer rückt den Text durch ein Zitat auch gleich in einen literarischen Kontext: „Das Beil, das Männer mordet, reiche mir einer rasch!“ sagt Klytämnestra, die Frau des von Orest getöteten Agamemnon und in „Die Unverheiratete“ wird auch Christiane von Poelnitz eine Axt schwingen. Theaterblut wird ebenfalls über sie ausgekübelt. Also nichts für Zartbesaitete.


DAS STÜCK
Palmetshofer greift einen authentischen Fall auf, der sich in den letzten Kriegstagen in seinem Heimatdorf zugetragen hat. Dafür hat er in Gerichtsakten und in Zeitungsarchiven recherchiert. Eine junge Frau belauscht im Postamt das Gespräch eines Soldaten mit seinem Vater. Da der Krieg nur noch wenige Tage dauern werde, überlege er, abzuhauen. Die Frau meldet das unverzüglich, der Mann wird festgenommen und exekutiert, wenig später kommt die Denunziantin für Jahre hinter Gitter. 70 Jahre danach verliert die Frau in ihrer Wohnung das Bewusstsein und muss ins Krankenhaus, die Ereignisse und die Prozesse werden wieder hochgespült. Es kommt zu einer Annäherung zwischen der Alten und der Jungen, während die Mittlere mit kaltem Elektra-Hass auf ihre Mutter blickt. Doch die Frage nach dem Warum bleibt offen, die Alte lässt auch keine Reue erkennen. Politisch war sie, wie sie beteuert, nicht. War es Pflicht, naive Aufrichtigkeit, denn mit dieser Strafe will sie nicht gerechnet haben, oder ging es ihr um die knappe Versorgung? Zu fressen hatte niemand was, wie sie einmal sagt. Für das Gericht war das Motiv schon klar, ehe der Prozess begann: Neugier, Neigung, Niedertracht. Es geht hier auch um die Wahrheiten, die man sich zurechtlegt. Auf einfache Kausalitäten verzichtet Palmetshofer, beleuchtet eher die Figurenkonstellation. Wer A sagt muss auch B sagen, heißt es variantenreich.

Er erzählt aber nicht linear, mischt Zeiten und Ebenen, was das Verständnis erschwert, beleuchtet die Bindungslosigkeit der Jungen, die Liebhaber verschleißt und mit dem Handy fotografiert. Franz Wille vergleicht den Text in Theater heute mit einem kubistischen Gemälde, in das zuletzt ein verkanteter Puzzlestein gefügt wird.


DIE INSZENIERUNG
Neben den drei Frauen treten noch vier missgünstige Schwestern auf, die mal Spitzenkleider, dann BDM-Uniformen schließlich Schwestern-Tracht tragen. Regisseur und Bühnenbildner Robert Borgmann hat einen Leuchtkasten mit 500 Neonröhren auf die Bühne gesetzt, die ein gleißendes Licht geben, aber auch atmosphärisch gedimmt werden können. Er schafft zusätzlich mit mehreren Erdhügeln, die an Gräber erinnern, eine Atmosphäre, die beklemmt.


DER AUTOR

Der 1978 in Oberösterreich geborene Palmetshofer, der unter anderem Psychologie, Theologie und Theaterwissenschaften studiert hat, war wiederholt mit seinen Klassiker-Paraphrasen bei den Stücken eingeladen. 2008 wurde er von der Zeitschrift Theater heute zum besten Nahwuchsdramatiker gekürt. 2009 brachte Thomaspeter Goergen Palmetshofer Stück „Helden“ am Theater an der Ruhr zur Uraufführung. Der Autor lebt in Wien und lehrt am Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst.
DIE SPRACHE

Palmetshofer ist für seine Kunstsprache mit Auslassungen und Satzschleifen bekannt. Hier schreibt er in Jamben und erzeugt ein hochrhythmisches, verknapptes Bühnendeutsch, „bei dem Wörter und Satzsplitter wie Sprachschrapnells durch den Raum spritzen“, wie es in Der ZEIT hieß. Und das aus zwei Gründen, wie der Autor im Interview mit dem Standard sagt. Einmal wegen des antiken Bezuges und außerdem, weil ihn die Gerichtsprotokolle dazu bewegten. Sie waren ausschließlich in indirekter Rede verfasst. „Ich habe Sehnsucht nach einem originalen Ton gehabt.“


DER PROMIFAKTOR

Hoch. Elisabeth Orth, die Grande Dame des Burgtheaters, spielt die Alte und ist neben Stefanie Reinsperger der Star. Die 79-Jährige, die auch immer wieder öffentlich Position gegen Rassismus ergreift, ist die Tochter von Attila Hörbiger und Paula Wessely, da sie nicht mit dem Namen Hörbiger Karriere machen wollte, nahm sie den Namen der Großmutter an. „Sie beherrscht den virtuosen Registerwechsel: Eine Frau zum Umarmen und zum Fürchten“, so Wille. „Sie ist eine Idealbesetzung, sie regiert herrisch, säuselt aber im nächsten Moment fast kindlich, ist kalt und abweisend“, schreibt der Spiegel. Reinsperger glänzt mit einer exzessiven Besoffenen-Nummer, spielt cool und verwundbar. „Ich lerne relativ schnell und gut Text, aber so geplagt habe ich mich noch nie“, sagt sie Theater heute. „Aber ich mag die Sprache, den Rhythmus, und es macht Spaß, das zum Leben zu erwecken.“


DIE SCHWÄCHE
„Eine Fingerübung des Wortdrechslers“, schreibt Nachtkritik. Ein dramaturgischer Sog entstehe nicht.Der Test sei selbstverliebt und breit getreten.


DIE STÄRKE
Die Sprache. Das braucht ein wenig Zeit, dann lernt man sie schätzen


BAROMETER
Palmetshofer hat endlich einen Preis verdient.