Neue Nöte um die Noten
11.02.2012 | 06:11 Uhr 2012-02-11T06:11:00+0100
Mülheim. Die Grundschulen können selbst entscheiden, ob Schüler der Klassen 2 und 3 benotet werden oder ein Text ihren Leistungsstandard erläutert
Juhuu, ich hab ne 1 in Englisch!“ „Na toll, ich hab ne 5 in Mathe.“ So erging es gestern vielen Schülern, denn es war Zeugnisvergabe. Da stellt sich eine Frage, die derzeit für Diskussionen sorgt: Sollen Grundschüler schon ab der zweiten Klasse Noten bekommen oder reicht ein hinweisender Text zur Erkennung des Leistungsstands bis zur vierten Klasse aus?
Diese Frage beschäftiget seit dem 1. Februar Eltern und Lehrer. Denn offiziell ist es den Grundschulen freigestellt, ob sie bereits ab Sommer in den 2. und 3. Klassen Noten geben oder nicht . Diese Verordnung der rot-grünen Landesregierung findet Befürworter wie Gegner.
Ellen Maaß, Schulleiterin der Grundschule am Sunderplatz, meint, die Notengebung an der Grundschule sollte uneingeschränkt abgeschafft werden. „Je später die Schüler Noten erhalten, desto besser!“ Denn bei Grundschülern sei die geistige Entwicklung der Schüler der ersten bis vierten Klasse noch nicht so weit, dass die den Wert oder die Bedeutung der Noten verstehen könnten. Den Wechsel auf eine weiterführende Schule, in der Noten verteilt werden, sieht Maaß als unproblematisch: Wenn die Schüler nach der vierten Klasse auf eine weiterführende Schule wechseln, seien sie in ihrer Entwicklung weit genug, um den Sinn der Notengebung erfassen zu können.
Am 1. Februar wurden die Grundschulen darüber informiert, dass die rot-grüne Landesregierung beschlossen hat, jeder Grundschule frei zu stellen, ob sie die Leistung der Schüler der zweiten und dritten Klasse mit Noten oder einem hinweisenden Text beurteilt. Jede Grundschule soll in der Schulkonferenz, an der nicht nur die Lehrer, sondern auch die Elternvertretung teilnimmt, darüber abstimmen, wie die Leistung der Schüler ab Sommer bewertet werden.
Was diese Frage betrifft, hat Michael Kroken, Schulleiter der Grundschule am Saarnberg, schon unterschiedliche Erfahrungen gemacht. So könnten die Eltern die Leistung ihrer Kinder mit Hilfe von Noten besser nachvollziehen. Aber auch Schüler mit älteren Geschwister, wünschten sich Noten. Auf der anderen Seite seien Schüler mit jüngeren Geschwistern mit einem Text über ihre derzeitige Leistung völlig zufrieden. „Wenn man es allen recht machen will, müsste man diese Richtlinie individuell bei jedem Kind beachten.“ Doch da diese Verordnung natürlich immer die gesamte Schule betrifft, befürwortet Michael Kroken die Notengebung ab der 2. Klasse. Auch der Schulleiter der
Schildbergschule, Andreas Illigen, sagt, man müsse einen Mittelweg finden, um Eltern, Lehrer und auch Schüler zufrieden stellen zu können. er fordert von den weiterführenden Schulen , an dem Konzept der Notengebung etwas ändern. „Ansonsten ist der Sprung von Grundschule auf die weiterführende Schule einfach zu groß“. Ähnlich sieht das auch
Manfred Bahr, Schulleiter der Erich Kästner Grundschule und der Grundschule am Dichterviertel. Im Grundsatz ist er gegen Noten, da man in einem Text, vor allem die Fortschritte besser verdeutlichen könne. Außerdem würden Texte die Kinder viel eher ermutigen als Ziffern von 1 bis 6. Aber auch er sieht ein großes Problem bei dem Übergang auf die weiterführende Schule. „Wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, dass die Grundschule komplett auf Noten verzichtet, müssen die weiterführenden darauf Rücksicht nehmen!“
Auffällig ist, dass vor allem viele Eltern die Noten bevorzugen, um die Leistung ihres Kindes einschätzen zu können, wie auch Günter Galandi, Konrektor der Grundschule Krähenbüschken, bestätigt. Auch er bevorzugt einen hinweisenden Text, aber er sieht auch die positiven Aspekte der Noten: Ein „mangelhaft“ auf dem Zeugnis klinge einerseits viel härter, als ein Satz wie „In Geometrie zeigt Fabian keine zufriedenstellende Leistung“. Andererseits komme es bei Texten aber auch schnell zu Missverständnissen.
Auch die GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) hat natürlich eine Meinung zu dem Thema. GEW-Vorsitzende Rita Theelke glaubt, dass sich die Schüler mit Noten besser untereinander vergleichen können und die Aussage des Leistungsstandes besser definiert sei. Andererseits würde durch diese penible Bewertung die Anstrengung, die vielleicht dahinter steckt, nicht berücksichtigt. Was, so Theelke, aber der Fall sein sollte.
Es wird deutlich, dass die Pädagogen sich noch nicht klar darüber sind, wie sie die Bewertung an ihrer Schule ab Sommer handhaben. „Immer wieder gibt es neue Richtlinien, das ganze Hin und Her irritiert!“, ergänzt Ellen Maaß.

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