Närrisches Fremdgehen

Ich gehe fremd. Schon seit Jahren. Und ich habe noch nicht einmal ein schlechtes Gewissen. Jahr um Jahr verlasse ich zur närrischen Zeit mein ansonsten ja heiß und innig geliebtes Ruhrgebiet und fahre ins Rheinland. Genauer: nach Köln. Und dann stehe ich da, schunkele mit wildfremden Menschen und singe „Ich bin ne kölsche Jung“, obwohl ich das ja gar nicht bin, sondern in Essen im Elisabethkrankenhaus geboren bin.

Warum? Na, wie das eben beim Fremdgehen so ist. Der Reiz des anderen. Die Sehnsucht nach Abwechselung. Und ich bin ja nicht alleine - die meisten Menschen dort kommen irgendwo anders her, während die kölschen Jungs lieber für die tollen Tage ins Sauerland auswandern. Und in der Fremde tut man eben Dinge, die man zuhause nicht tun würde. Klar, auch in Mülheim kann man schunkeln, singen und gemeinsam Spaß haben. Gar keine Frage. Aber auch hier ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, dass dann auch im Hintergrund irgendwann „Viva Colonia!“ erklingt, dann feiere ich doch lieber am Originalschauplatz.

Aber irgendwann, Fremdgeher kennen das, schlägt das schlechte Gewissen zu. Sollte ich jetzt nicht doch lieber in Mülheim sein und vom Straßenrand den närrischen Tollitäten zujubeln? Und weil Karneval ja eben auch eine höchst emotionale Angelegenheit ist, kann es sein, dass ich dann mitten im Kölner Rosenmontagstrubel Heimweh bekomme und lauthals rufe: „Us Mölm - Helau!“

Und wenn alles gut geht, läuft dann gerade durch die Lautsprecher Wolfgang Petrys Region-Hymne: „Ihr seid das Ruhrgebiet.“ Ja, auch das gibt es.