Nachdenklicher Jahreswechsel in der Mülheimer Wolfsburg

Foto: Fabian Strauch Photography / WAZ
Was wir bereits wissen
Familien, die ein Kind verloren haben oder vielleicht bald verlieren werden, trafen sich zu Silvester in der Wolfsburg.

Mülheim.. Obwohl rund 100 Menschen die Wolfsburg in Speldorf bevölkern, herrscht eine gemütliche, fast familiäre Stimmung in der großen katholischen Akademie. Die Türen zu einigen Räumen stehen offen, man hört Lachen, leises Geklimper von einer Gitarre, angeregte Unterhaltungen. Der Jahreswechsel wird begangen von Familien mit lebensverkürzend erkrankten oder bereits gestorbenen Kindern. Ausrichter der viertägigen Veranstaltung ist die Deutsche Kinderhospiz-Akademie, eine Einrichtung des Deutschen Kinderhospiz-Vereins, der vor 25 Jahren von betroffenen Eltern gegründet wurde.

„Es ist – seit vielen Jahren an diesem Ort – ein wunderschönes Seminar. Für uns Eltern eine Zeit, auf die wir uns freuen, um gemeinsam mit der ganzen Familie Silvester feiern zu können“, berichtet Vorstandsmitglied Sabine Dartenne. „Ich bin mit meiner 18-jährigen Tochter hier“, sagt die Mutter. Sie genieße die Zeit unter Menschen, die einander verstehen, weil sie ähnliche Sorgen haben. „Es ist ein Refugium. Hier können wir lachen und weinen, ohne dass es jemand hinterfragt.“ So kennen sich viele der anwesenden Familien schon lange – verbunden durch Krankheiten oder Tod ihrer Kinder. Die Teilnehmer nutzen die Auszeit, um zur Ruhe zu kommen, sich kreativ zu betätigen, zu reden und zu feiern.

Es gibt Workshops für alle – dabei sind zwei Kreativkurse für Eltern, ein integrativer Varieté-Workshop, Workshops für kranke Kinder und Jugendliche und auch für Geschwisterkinder.

Sonderpädagogin Sandra Kipp und Heilpädagogin Anja Roemer durchleben mit einigen kranken und beeinträchtigten Kindern die aufregende Geschichte des kleinen Erdvogels, der keine Flügel hat und doch gerne fliegen möchte. Neben jedem Kind sitzt eine ehrenamtliche Betreuerin, die ihren Schützling bei allem unterstützt, was er nicht selbst tun kann. Sie leitet seine Hand übers weiche Fell, lässt ihn Gras oder Wackelpudding fühlen, hilft dort, wo es nötig ist. Ein Kind zupft vergnügt an Gitarrensaiten, ein anders greift neugierig in eine Schüssel mit Pudding. „Die Kinder probieren alles aus. Es geht um das Vermitteln möglichst vielfältiger Sinneserfahrungen“, erklärt Sandra Kipp.

Gespräche in der Gruppe entwickeln

Im Workshop „Be-Leuchtet“ arbeiten Eltern konzentriert an den unterschiedlichsten Lichtobjekten, leise wird dabei geredet. Angelika hat sich draußen im Wald Naturmaterialien gesucht und bastelt einen Lampenschirm. „Ich arbeite nicht gern mit Metall“, sagt sie. Trauerbegleiterin Karola Wiedemeier unterstützt die Gruppe und findet es schön, wenn sich Themen und Gespräche in der Gruppe entwickeln.

In der Kapelle steht für jede der anwesenden Familien eine große brennende Kerze, für verstorbene Kinder leuchtet ein besonderes Licht. Fotografien vergangener Treffen werden gezeigt, meditative Musik lädt die Menschen ein, innezuhalten, sich zurückzuziehen.

Im Varieté-Workshop geht es dagegen hoch her. Gerade wird die Löwennummer gezeigt, die am Nachmittag vor großem Publikum aufgeführt werden soll. Vergnügt, aber auch schon etwas erschöpft von den Proben, beweisen kranke Kinder und Jugendliche sowie Geschwisterkinder, dass ihre Nummer sitzt. In der Silvesternacht wird dann mit gutem Essen und Polonaisen gefeiert, „dabei können auch Rollstühle mitgeschoben werden“, so Peter Wirtz, Leiter der Kinderhospiz-Akademie. Um Mitternacht wird mit einem Ständchen zum 25-jährigen Bestehen das neue Jahr begrüßt.

Rund 50.000 Kinder in Deutschland betroffen

„Rund 50.000 Kinder in Deutschland leiden an lebensverkürzenden Erkrankungen“, sagt Peter Wirtz. Krankheiten mit Namen, die kaum bekannt seien, manche gebe es überhaupt nur zwei, drei Mal auf der Welt. Häufig seien es Stoffwechselerkrankungen. Durch medizinische Fortschritte erhöhe sich die prognostizierte Lebenserwartung in einigen Fällen von 10 bis 20 auf 20 bis 30 Jahre. „Der Tod ist in unseren Familien allgegenwärtig“, sagt die betroffene Mutter Sabine Dartenne.

Seit 1990 gibt es den Deutschen Kinderhospiz-Verein mit 3000 Mitgliedern. Der Unterschied zu anderer Hospizarbeit sei: Erwachsene Menschen gingen – wie auch Kinder mit Krebserkrankungen – in ihrer letzten Lebensphase in ein stationäres Hospiz. „Bei unseren Kindern nehmen die Fähigkeiten nach und nach ab. Wir sprechen von vor-auseilender Trauer und einem schleichenden Abschied“, so Dartenne. Für Eltern sei es täglich aufs Neue eine Herausforderung, mit dieser besonderen Situation umzugehen und den Alltag zu meistern. Dabei unterstütze sie die Akademie mit zahlreichen Seminaren und Veranstaltungen, aber veranstalte auch Seminare für Lehrer und andere Berufsgruppen, die mit Krankheit, Tod und Trauer konfrontiert werden.