Musiker Oliver Hasse bleibt nach Ruhr.2010-Projekt "2-3 Straßen" in Mülheim
29.12.2010 | 18:44 Uhr 2010-12-29T18:44:00+0100
Mülheim.Für das Ruhr.2010-Projekt "2-3 Straßen" zog der Musiker Oliver Hasse nach Mülheim. Das Jahr brachte ihm unter anderem ein gebrauchtes Klavier - und eine neue Liebe. Vorerst will er bleiben. Auch nach dem Ende des Kulturhauptstadt-Jahres.
Als Oliver Hasse für „2-3 Straßen“ in Mülheims City zog, hatte er einen Gitarrenkoffer dabei und zwei Reisetaschen. Das Jahr brachte ihm u.a. ein gebrauchtes Klavier und eine neue Liebe. Vorerst will er bleiben. Der junge Musiker behält die Wohnung im zwölften Stock am Hans-Böckler-Platz, obwohl er ab dem 1. Januar Kaltmiete zahlen muss, obwohl das Projekt kurz vor Weihnachten ganz offiziell zu Ende ging, die meisten Mülheimer Teilnehmer schon ausgezogen sind und auch der Künstler seine Schlussworte gesprochen hat. Der 25-Jährige mit dem rotblond umrahmten Gesicht bleibt nicht alleine: Mit seiner Lebensgefährtin Stephanie Preuß teilt er seit August die Wohnung. Die 26-jährige Germanistikstudentin stieg sozusagen als Nachrückerin ins Projekt ein.
Hasse hat zuletzt drei Jahre in Magdeburg gelebt, sie noch bei den Eltern in Duisburg. Mülheim war Neuland für beide, und auch in einem Hochhaus hatte keiner der beiden zuvor gelebt. Die von Jochen Gerz ausgewählte „Straße“, die ja in Mülheim senkrecht nach oben verläuft, nachhaltig zu verändern: Das war erklärtes künstlerisches Ziel. Und nach Ansicht des Paares aus Etage zwölf ist dies gelungen.
Menschen sind kommunikativer geworden
„Auf jeden Fall“, sagt Stephanie Preuß. „Die Stimmung ist eine ganz andere. Anfangs haben sich die Leute im Aufzug nicht einmal angeschaut, nun sind sie kommunikativer geworden.“ Natürlich gelte das nicht für alle, in den beiden Türmen lebten schließlich fast 400 Menschen. „Aber es ist schon eine große Leistung, dass es hier im Haus nicht mehr so anonym ist.“
Oliver Hasse meint, man müsse das Geschehen in der vertikalen Straße wie eine Spirale betrachten: „In der Mitte sind die, die eingezogen sind und etwas in Bewegung setzen. Mal mit hoher Kunst, mal mit Kaffee und Kuchen.“ Dokumente sind dabei reichlich entstanden: Fernsehteams, aber auch Studienreisende führten Interviews mit den Bewohnern, drehten Filme. Ob sich auch eine Dynamik entwickelt hat, die aus eigener Kraft Dinge anschiebt, muss sich in Zukunft zeigen.
Sessions im Ringlokschuppen
Oliver Hasse, der Sänger, Songschreiber, Gitarrist, verband vorrangig persönliche Ziele mit dem Projekt: „Meine Kalkulation war, dass ich 2-3 Straßen nutzen kann, um Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Das hat funktioniert, wenn auch auf kleinem Level.“ So veranstaltete er mehrere Sessions im Ringlokschuppen, nahm in seinen Wohnräumen ein komplettes Album auf („von den Nachbarn kamen keine Beschwerden“) und lebte einige Monate von seinen Einnahmen aus Auftritten und Straßenmusik.
„Alles, was hier in der Wohnung steht, ist erspielt“, sagt er mit unüberhörbarem Stolz. Piano und elektrische Gitarre, Küchenausstattung und Kleiderschrank. Momentan ernährt die Kunst Oliver Hasse nicht mehr. Er hat einen Job in einer Schulkantine angenommen. Für 2011 ist noch kein Auftritt verabredet.
"Mindestens" noch sechs Monate
Ein halbes Jahr, „mindestens“, wollen er und Stephanie Preuß noch am Hans-Böckler-Platz wohnen bleiben. Und dann? „Mal sehen“, sagt Hasse, „vielleicht eine größere Stadt.“ Zumal er Mülheim als hartes Pflaster für einen Musiker erlebt: „Kulturell fokussiert sich alles auf das Theater. Ansonsten gibt es wenige Plattformen, wo man etwas machen kann.“ Daran hat auch 2010 nichts geändert.
Zu Ende gehen soll das Kulturhauptstadtjahr für Oliver und Stephanie mit einem optischen Highlight: Silvester wollen sie unbedingt im Hochhaus feiern. „Mit Blick auf das Feuerwerk. Vielleicht bei Tom im 16. Stock.“
Hausherrin SWB zeigt sich zufrieden
Am Hans-Böckler-Platz 7-9 werden Wohnungen frei, wenn „2-3 Straßen“ zum Jahresende schließt. Doch immerhin sechs Teilnehmer wollen bleiben, heißt es im Projektbüro, und zwei Leute in andere Städte ziehen. Aus finanziellen Gründen.
Denn in Dortmund wie Duisburg wohnen die ehemaligen Teilnehmer weiterhin zu geminderten Mieten, billiger als ihre Nachbarn, um sie für künftige kreative Aktionen zu halten. Dies habe man mit den beteiligten Wohnungsgesellschaften ausgehandelt. Die Mülheimer SWB dagegen lehnt dies als Hausherrin ab: „Sonderkonditionen wird es bei uns nicht geben“, erklärt die Marketing-Referentin Christina Holz, „sonst könnte es zu Missstimmungen im Haus kommen.“ Außerdem sei das Gebäude „inzwischen wieder sehr begehrt“. Für sechs der frei werdenden Appartements hätten sich bereits Nachmieter gefunden.
So nicht erwartet
Die SWB sei aber hoch zufrieden mit dem, was die Bewohner auf die Beine stellten. „Toll. Wir haben vorher nicht erwartet, dass so viel passiert, was über das Buch hinausgeht“, sagt Christina Holz. „Wir hatten auch ständig TV-Teams vor Ort“ Weitere Aktionen im Haus würde die SWB unterstützen – „unseren Möglichkeiten entsprechend“.
Der Künstler Jochen Gerz begnügte sich beim Abschlussabend in den Räumlichkeiten der Mülheimer Klima-Initiative mit wenigen Worten, „bevor wir wieder auseinander- und ineinanderlaufen“. So schloss er: „Jeder Mensch fühlt sich am wohlsten, wenn er mit anderen Menschen zu tun hat. Dankeschön.“
Schweren Stoff versprechen zwei Bücher im Schuber, die zum Projekt herauskommen: Der (wie es heißt) ungekürzte Text und ein „Making Of“ erscheinen am 16. März 2011 (weitere Infos: www.2-3strassen.eu). Von „Backsteingröße“ ist die Rede.

14:01
Das ist ein Erfolg des Projektes, der mir sehr sympathisch ist. Wenn sich dann auch noch die Kommunikation innerhalb des Hauses entwickelt, dann ist es umso besser.
01:57
Magdeburg und Mülheim sind sich sehr ähnlich.
21:37
Hörproben gibt es auf http://myspace.com/canadianisland