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Klima im Wandel

Multikulti auf der Brache

11.12.2009 | 08:00 Uhr
Multikulti auf der Brache

Heimatlose Eisbären in der Arktis, wachsende Wüsten in der Sahel-Zone – ein Problem der Klimadebatte ist, dass viele Auswirkungen der Erderwärmung weit jenseits unseres Wahrnehmungshorizonts Gestalt annehmen. Doch wie sieht es vor unserer Haustür aus? Ein Blick in die Welt der Insekten zeigt, dass der Klimawandel auch im Ruhrgebiet längst angekommen ist.

Insektenkundler Bernhard Jacobi (l.) und Nabu-Ruhr-Vorsitzender Reinhard Plath beobachten den Klimawandel im Reich der Insekten. Foto: Roy Glisson / WazFotoPool

„Insekten sind richtig gute Anzeiger fürs Klima”, erläutert Bernhard Jacobi vom Naturschutzbund Ruhr. Vor allem flugfähige Brummer und Krabbler sind höchst mobil und siedeln sich sofort an, wenn's die Witterung zulässt. „Genau das beobachten wir seit 20 Jahren”, ergänzt Reinhard Plath, erster Vorsitzender des Nabu Ruhr, „der Wandel ist einfach dramatisch.” Immer mehr Insekten vom Mittelmeer sind hier glücklich geworden. „Heute sind im Ruhrgebiet Arten heimisch, die sich früher allenfalls über kurze Zeit in einigen wenigen Wärmeinseln gehalten haben.”

Ein Beispiel ist die Mittelmeer–Eichenschrecke ( Meconema meridionale ), eine putzige grüne, sogar flügellose Heuschreckenart, die man heute in vielen Teilen Deutschlands nachweisen kann. Vermutlich mit dem Auto, etwa im Laub auf einer LKW-Ladung, kam das Tier nach Mitteleuropa. Ein Zeichen für Klimawandel? „Wer weiß. Dichten Straßenverkehr nach Südeuropa gab es ja auch vor 50 Jahren schon reichlich, auch damals sind die Eichenschrecken mit zurück gereist. Nur haben sie sich hier früher eben nicht angesiedelt”, stellt Jacobi fest.

Folgen des Klimawandels: Insekten aus dem Mittelmeerraum wandern ein, etwa die Luzerne Blattschneidebiene. Foto: Jacobi

Das tun sie nun, und mit ihnen die Blauflügelige Ödlandschrecke (Oedipoda caerulescens ), die signalrote Feuerlibelle (Crocothemis erythraea ), die schwarz-rote Streifenwanze (Graphosoma lineatum ) oder die pechschwarze Große Holzbiene (Xylocopa violacea ). „Die neue Artenvielfalt ist einfach ungeheuer groß”, staunt Reinhard Plath. Und die Zugezogenen kommen ja nicht alleine, bringen meist noch Gefolge mit. Daheim wird die Französische Feldwespe (Polistes dominulus ) etwa von einem Parasiten namens Xenos vesparum tyrannisiert. „Kaum war die Feldwespe heimisch geworden, konnten wir wenige Jahre später den Parasiten ebenfalls hier nachweisen”, beschreibt Jacobi eine Entdeckung. Oder die Sichelschrecke (Phaneroptera falcata ), eine weitere Heuschreckenart – sie brachte mit der Heuschrecken-Grabwespe (Sphex funerarius ) ihre eigene Nemesis ins Ruhrgebiet.

Diesen vielbeinigen Exodus aber exklusiv auf CO2-Emissionen zu schieben, ist Jacobi und Plath zu einfach. Es gibt auch kleinräumigere Klimafaktoren. Die dicht bebauten Stadtgebiete heizen sich stärker auf, das gilt auch für die dunklen Industriebrachen mit ihrer oft spärlichen Vegetation. Der typischen Sandschrecke ist es eben ziemlich egal, ob sie sich in einer jugoslawischen Karstlandschaft satt futtert oder auf einer Geröllhalde an der Ruhr. Genau an solchen Orten tobt die neue Artenvielfalt – nicht im Moor, nicht im Naturschutzgebiet. Klar, die ökologischen Nischen dort sind alle von heimischen Arten besetzt. Sich hier breitzumachen, kommt dem reisefrohen Mittelmeer-Vielbeiner gar nicht in den Sinn.

Aber die warmen Steine auf der Schlackenhalde, da gefällt's den Einwanderern. „Der Klimawandel eröffnet ganz neue ökologische Nischen”, sagt Plath. Und da fackeln die kurzlebigen Insekten mit ihrer immensen Reproduktionsrate nicht lange und besetzen die neue Nische in Windeseile. „Da ist jetzt richtig Multikulti auf der Brache”, sagt Bernhard Jacobi mit einem Schmunzeln.

Christian Schmücker

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