Mülheimer werden immer dicker

„Was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht.“ Diese alte Volksweisheit kann man auch auf eine Entwicklung beziehen, die schon seit längerer Zeit Mediziner, aber auch Krankenkassen und Gesundheitspolitiker beunruhigt: Der Anteil der Übergewichtigen nimmt stetig zu. Nach der neusten Statistik, die das Landesamt für Datenverarbeitung NRW erhoben hat, liegt in Mülheim der Anteil der Betroffenen sowohl bei den Männern wie bei den Frauen über 50 Prozent (siehe Grafik). Schaut man nach den Gründen für diesen Trend, stößt man tatsächlich auf den Faktor Unkenntnis.

Wochenplan macht Sinn

Einmal im Hinblick auf die Nahrungsmittel selbst. Wer bestimmte Gemüsesorten nie probiert, kann auch nicht auf den Geschmack kommen. Vor allem nimmt aber auch immer mehr die Fähigkeit ab, selbst gesunde Speisen zubereiten zu können. Andrea Richter ist beim Gesundheitsamt die Expertin für gesunde Ernährung.

Sie macht die Erfahrung, dass mittlerweile schon eine zweite Generation von Erwachsenen herangewachsen ist, die über bestimmte Kochfertigkeiten nicht mehr verfügt. „Wenn ich heute junge Mütter frage, ob sie eine Linsensuppe kochen oder Kartoffelpüree zubereiten können, sagen immer mehr: Nein. Und sie fragen dann auch nicht ihre eigenen Mütter um Rat, weil die oft auch nur noch mit Fertigprodukten kochen. Sie fragen ihre Oma.“

Doch die Stadt steuert dagegen: Seit 2009 bietet sie unter dem Stichwort „Prima Leben“ Ernährungsberatung in Kitas an - freiwillig. Ein Aspekt bestimmt, so Richters Analyse, heute vor allem das Essverhalten: die Zeit. „Heute wollen alle spontan sein. Wenn man aber mit frischen Lebensmitteln kochen will, sollte man einen Wochenplan erstellen. Dann kann man auch die Reste des einen Tages am nächsten aufbrauchen. Nur viele glauben, dass sei zu anstrengend und würde eben nur zusätzlichen Stress bereiten.“ Aber das sei eine Fehleinschätzung. „Weil die Menschen gar keine Praxiserfahrung haben, glauben sie, kochen würde viel Zeit kosten. Wenn sie es dann aber wirklich ausprobieren, merken sie: Das macht sogar Spaß.“

Ähnlich ist es auch mit dem Geschmacksempfinden: Kinder hätten zwar tendenziell eine Vorliebe für süße und weiche Nahrung, aber, so betont Richter, wichtig sei, dass sie in ihrer Entwicklungsphase auch an andere Geschmacksrichtungen herangeführt werden. „Es ist vieles Gewöhnungssache. In der Phase, in der sich die Nahrungsgewohnheiten entwickeln, müssen die Kinder Vielfalt kennenlernen.“ Das sei das beste Mittel gegen einseitige Ernährung später als Erwachsener.

Ein anderer Aspekt: Nahrung wird nicht nur konsumiert, um Hunger zu stillen, sondern als Ersatzbefriedigung. „Wenn man sich entspannen will, kann man spazieren gehen. Oder Musik hören. Oder eben auch essen.“ In diesen Fällen diene das Essen aber nicht dem Genuss - denn Genuss erfolge immer bewusst. Die Menschen würden sich in solchen Situationen für Essen statt für den Spaziergang entscheiden, weil dank der Fertigprodukte Nahrung schnell und ohne Anstrengung erhältlich sei. „An solche Abläufe gewöhnen sich die Menschen schnell“, weiß Richter. „Und da die Folgeerkrankungen, wie Diabetes etwa, oft spät eintreten, sehen die Betroffenen keinen Grund, ihr Verhalten zu ändern.“ Andrea Richter aber betont: „Es lohnt sich immer, etwas zu verändern.“ Hilfe bekäme man etwa beim Hausarzt, auch bei den Krankenkassen. Das Gesundheitsamt selbst bietet seit 2009 keine eigene Ernährungsberatung mehr an - aus Kostengründen.