Mülheimer Siemens-Mitarbeiter bangen um ihre Jobs

Bei Siemens in Mülheim werden Dampfturbinen gefertigt - genau wie in einem Konkurrent-Werk in den USA, das ebenfalls zu Siemens gehört.
Bei Siemens in Mülheim werden Dampfturbinen gefertigt - genau wie in einem Konkurrent-Werk in den USA, das ebenfalls zu Siemens gehört.
Foto: Volker Hartmann
Das Turbinenwerk von Siemens leidet unter der Energiewende und kommt auf den Prüfstand. Konzernchef Joe Kaeser will zudem die Verwaltung verschlanken.

Mülheim/München.. Im Mülheimer Dampfturbinen- und Generatoren-Werk geht die Angst um – nicht nur, weil Konzernchef Joe Kaeser am Freitag verkünden will, wie viele Stellen seinem Umbau- und Sparprogramm zum Opfer fallen werden. Denn im Sommer, befürchtet der Betriebsrat, könnte es weitere tiefe Einschnitte im Mülheimer Werk mit seinen 4800 Stellen geben.

„Ich habe mir noch nie so große Sorgen um den Standort gemacht“, sagte der Betriebsratsvorsitzende Pietro Bazzoli dieser Zeitung. Im Zuge der Energiewende sind Siemens die Aufträge weggebrochen. Der Kraftwerksmarkt ist nach Bazzolis Angaben um die Hälfte geschrumpft. Weil erneuerbare Energien Vorfahrt haben, werden kaum noch Kohle- und Gaskraftwerke bestellt. Den Einbruch hat Siemens zum Anlass genommen, die Energiesparte auf den Prüfstand zu stellen. Im Juni sollen die Ergebnisse dieses Prozesses mit dem sperrigen Titel „Transformationsprozess“ vorliegen.

Großer Handlungsdruck

Der Mülheimer Betriebsrat sieht dem Termin mit großer Sorge entgegen. Denn zum Siemens-Konzern gehört nicht nur das Werk an der Ruhr, sondern auch eine Konkurrenz-Fertigungsstätte in Charlotte/USA.

"Es gibt kein anderes Geschäft im Hause, das einen vergleichbar großen Handlungsdruck hat, weil die Zeichen der Zeit nicht ausreichend in Schlussfolgerungen umgesetzt wurden“, hatte Siemens-Chef Kaeser jüngst bedauert und den dafür verantwortlichen Manager gefeuert. Die zur Sanierung des Krisengeschäfts angeheuerte US-Managerin Lisa Davis kündigte daraufhin an, dass im Energiesektor 1200 Stellen gestrichen werden. 299 Arbeitsplätze davon, das ist bereits beschlossen, sollen im Rahmen einer Kapazitätsanpassung im Mülheimer Werk wegfallen.

Warnstreik Hinzu kommt nun das eine Milliarde Euro schwere Sparpaket, das Kaeser heute verkünden will. Durchgesickert ist bereits, dass weltweit rund 7400 Stellen gestrichen werden – 3300 davon in Deutschland. Der Abbau hier zu Lande soll im Schwerpunkt die Verwaltungen betreffen. Kaeser hat den Konzern neu organisiert und dabei ganze Verwaltungsebenen gestrichen. Die Zahl der operativen Sektoren wurde von 16 auf neun reduziert.

Marktentwicklung falsch eingeschätzt

Dazu kommen industrielle Brennpunkte, allen voran das Energietechnikgeschäft, speziell der Bau großer Kraftwerke. Dort herrscht immenser Preisdruck, weil es am Markt Überkapazitäten gibt. Siemens hat hier eingestandenermaßen die Marktentwicklung falsch eingeschätzt. Nach Informationen dieser Zeitung soll im Zuge der Verschlankung von Dienstleistungsabteilungen wie Personal, Ausbildung, IT und Qualitätsmanagement auch das Mülheimer Werk einen Sparbeitrag erbringen. Mehrere Dutzend Stellen könnten betroffen sein.

Kapazitätsanpassung, Verschlankung der Verwaltung und die weltweite Neuausrichtung der Energiesparte – der Betriebsrat muss derzeit an drei Fronten gleichzeitig kämpfen. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung in der Belegschaft. „Das ist eine absolut schreckliche Situation“, klagt Pietro Bazzoli. „Nahezu jeden Tag kommt etwas Neues. Wir fragen uns inzwischen: Wo ist die Perspektive für Siemens?“