Mülheimer Aids-Forscher geehrt

Foto: Walter Schernstein
Was wir bereits wissen
Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Prof. Dr. Norbert Brockmeyer mit dem Thema HIV. Nun erhielt er für sein Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Mülheim an der Ruhr..  „Wie die Jungfrau zum Kinde“, sagt Prof. Dr. Norbert Brockmeyer, sei er einst zur HIV- und Aids-Forschung gekommen. 30 Jahre später ist sie zum „zentralen Lebensthema“ geworden, hat er sich auch international einen Namen damit gemacht. Am Dienstag überreichte Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld dem Mülheimer, „der Segensreiches für unsere Gesellschaft geleistet hat“, das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.

Begonnen hatte Brockmeyers Erfolgsgeschichte mit Forschungen an der Uni Essen in den Jahren 1983/84: Der junge Arzt, damals Anfang 30, beschäftigte sich mit den Abwehrkräften des Körpers. Mit Blick auf die Onkologie habe er herausfinden wollen, wie sich das Immunsystem stärken lässt, erzählt er am Rande der Zeremonie in der historischen Rathausbücherei. Dann aber tauchten an der Uniklinik die ersten HIV-Fälle auf, und Brockmeyer spezialisierte sich. Anfangs sei es vor allem darum gegangen, gängige Komplikationen wie Krebs oder Lungeninfektionen zu bekämpfen – „und wir hatten gute Erfolge“.

Kompetenznetzwerk aufgebaut

Peu à peu schritt die Forschung voran, und auch der Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten ging weiter auf seinem Weg: Bis 1998 blieb er in Essen, fing dann an der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie der Ruhr-Uni in Bochum an. Unter anderem baute er ein Kompetenznetzwerk für HIV und Aids auf und brachte zu Spitzenzeiten bis zu 70 Forscher und Ärzte zusammen. Es entstand eine umfangreiche Dokumentation der einst so gefürchteten Krankheit; zig Patienten-Daten wurden gesammelt und analysiert.

Mittlerweile geht das Engagement Brockmeyers – der u.a. von 1997 bis 2007 Präsident der Deutschen Aids-Gesellschaft war – über HIV hinaus. Er beschäftigt sich mit sexuellen Infektionskrankheiten aller Art und leitet das 2008 gegründete Zentrum für Sexuelle Gesundheit an der Hautklinik in Bochum. Im Herbst 2015 will er damit zentral in die Bochumer Innenstadt ziehen und es zu einer national einmaligen Anlaufstelle vor allem für junge Betroffene ausbauen. Der Arzt arbeitet zusammen mit der Aidshilfe, Selbsthilfegruppen, der Caritas, Pro Familia, mit Ärzten, Sozialarbeitern, Psychologen.

Sein Augenmerk gilt den Jugendlichen, „weil es um deren Versorgung oft schlecht bestellt ist“. Sie wüssten nicht, an wen sie sich im Ernstfall werden können. Da es aber eine deutliche Zunahme von sexuellen Infektionskrankheiten gebe, sei ein niederschwelliges Angebot wichtig. Es gehe auch um Aufklärung, „wir müssen offen mit den Menschen reden, ihnen die Angst nehmen“.

,Pionier vorurteilsfreier Versorgung’

Laut OB Mühlenfeld gilt Brockmeyer, der vor 20 Jahren der Liebe wegen nach Mülheim gezogen ist, als „Pionier für die Einrichtung einer vorurteilsfreien Versorgung von Menschen mit HIV-Infektionen und anderen Geschlechtskrankheiten“. Er zähle zu den wenigen ausgewiesenen Experten, die die Entwicklung von HIV und Aids von Anbeginn beobachtet, begleitet und geprägt haben. Begleitet hat ihn auf diesem Weg u.a. ein Mann, der schon lange an HIV erkrankt ist und gestern freudestrahlend an der Zeremonie teilnahm. Für Brockmeyer war er ein ganz besonderer Gast: „Wir haben es geschafft, zusammen alt zu werden.“