Motivation und MobilitätGoldschmiede Seel Karstadt Arkaden
18.06.2007 | 11:30 Uhr 2007-06-18T11:30:19+0200Erfahrungen im Rhein-Ruhr-Zentrum: Buchhandlung Thalia spricht von einem "Kampf" um gute Azubis.Der Goldschmied Seel fand bislang überhaupt keine. Bei Karstadt ist man rundum zufrieden
AUSBILDUNGS-OFFENSIVE EINE AKTION VON WAZ UND PARTNERN Ausbildung ist wichtig. Darüber sind sich die Betriebe einig. Die Erfahrungen sind aber unterschiedlich, wie die Partner der Ausbildungs-Offensive einmal mehr bei ihrem Rundgang durch das Rhein-Ruhr-Zentrum erfuhren.
Buchhandlung Thalia Die Filiale im Zett hat eine, die im Forum eine weitere. Azubis im Buchhandel sind meist weiblich. Auf 80 % schätzt Tanja Reintanz das Übergewicht der Frauen. Obwohl Thalia eine Kette ist, kann die stellv. Filialleiterin den Nachwuchs für den Standort Rhein-Ruhr-Zentrum selbst aussuchen. Die Anforderungen sind relativ hoch: "Wir nehmen gern Bewerber mit Abitur oder Fachabitur, die auch älter als 21 Jahre sein dürfen. Zudem bieten wir Studienabbrechern eine Chance", erklärt Reintanz.
Die Anforderungen an die Kandidaten leiten sich aus dem Metier ab. "Man muss natürlich eine hohe Affinität zum Lesen haben", so die Thalia-Frau. Schulnoten stehen deshalb nicht so sehr im Fokus der Auswahlkriterien, sondern eher die sogenannten "weichen Faktoren": Kontaktfreude, Dynamik und "ein großes Spektrum in der Allgemeinbildung". Schließlich sollen Buchhändler Literatur etwa für die wertvollen Urlaubswochen empfehlen. Die Tipps sollten sitzen.
Der Personalsuche kommt für Thalia deshalb eine hohe Bedeutung zu. "Es war ein harter Kampf, eine Auszubildende für dieses Jahr zu finden", bekennt denn auch Tanja Reintanz. Ihr Resumee: schlechte Bewerbungen, Lücken in der Rechtschreibung, fehlende Zeugnisse, Standard-Formulierungen im Anschreiben und die fehlende Botschaft, dass man den Job im Buchhandel wirklich haben will. Reintanz: "Es fehlt die Motivation."
Von den knapp 60 Bewerbern kamen bei Thalia im Zett am Ende drei in die engere Auswahl. "Die waren dann auch wirklich gut", bescheinigt die Filialvize. Lange Ladenöffnungszeiten, zuweilen anstrengende Kunden und die Notwendigkeit, in Literaturfragen ständig auf dem neuesten Stand zu sein - Mitarbeiter Klaus Kosfeld glaubt nicht, dass die hohen Anforderungen abschreckend wirken. "Wer sich hier bewirbt, der weiß, was auf sie oder ihn zukommt." Zumal Aufstiegschancen etwa zur Filialleiterin winken und die Aussichten für eine Übernahme gut stehen. Wenn man denn mobil ist.
www.buch.de Tel: 49 28 77 Die Goldschmiede Seel würde gern "ein oder zwei" junge Menschen ausbilden, sie findet aber keine geeigneten Kandidaten. Dabei hat sich der Familienbetrieb nach schlechten Erfahrungen in diesem Jahr gerade wieder durchgerungen, Lehrlinge einzustellen. "Es stehen so viele junge Leute auf der Straße. Da wollen wir ein Zeichen setzen", meint Junior-Chef Marco Seel.
Aber: "Wir bekommen Vorschläge von der Agentur für Arbeit, aber die Kandidaten melden sich dann nicht bei uns", bedauert der Goldschmiede-Meister. Und die Bewerber, die dann die Initiative ergriffen, zeigten sich "uninformiert", lieferten "vorgefertigte Mustertexte" und hätten überhaupt "keine Vorstellung vom Beruf".
Seel listet weitere Hindernisse auf: "Aus anderen Bundesländern gibt es genügend Interessenten, aber nicht aus der Region." Doch genau die sucht der Familienbetrieb - wegen der langen Ladenöffnungszeiten und der familiären Bindung. Bei den formalen Qualifikationsvoraussetzungen zeigen sich die Seels flexibel. "Der Schulabschluss ist egal", betont der Meister. Gefordert werden allerdings Fähigkeiten des Gestaltens und Zeichnens sowie eine künstlerische Veranlagung. Denn die Goldschmiede ist auch Handwerksbetrieb und fertigt Schmuck nach Kundenwünschen an oder arbeitet alte Stücke um.
Das Angebot steht: Zum Herbst will Seel zwei Azubis einstellen. Wer die formalen Voraussetzungen erfüllt, wird eingeladen, eine Probearbeit abzuliefern. Wer den Zuschlag erhält, hat einen Lehrvertrag für dreieinhalb Jahre in dem Unternehmen in der Tasche, das schon 30 Jahre zunächst in Essen und aktuell im Zett am Markt ist.
www.goldschmiede-seel.de Tel: 49 81 74 Rund 2 000 Menschen arbeiten in den Läden des Rhein-Ruhr-Zentrum. Platzhirsch sind die Karstadt Arkaden. Auch in der Ausbildung: 29 Lehrlinge stellt das Warenhaus jährlich ein: 26 Kaufleute im Einzelhandel und drei Reisekaufleute. Eine hauptberufliche Ausbildungsleiterin kümmert sich um den Nachwuchs. "Ausbildung betreiben wir nicht nebenher. Sie ist ein Hauptthema für uns", unterstreicht Arkaden-Geschäftsführer Gilbert Weigel.
In Mülheim sitzt nicht nur das regionale Ausbildungszentrum, das mit Eignungstests und Auswahlprüfungen den Nachwuchs rekrutiert. Die Arkaden können selbst ihre Azubis bestimmen. Die gewaltige Größe des Hauses macht es unmöglich, dass jeder alle Abteilungen durchläuft. "Jede Abteilung für sich ist schon ein größeres Fachgeschäft", meint Weigel. Und so sind die Lehrlinge von Anbeginn ihren Fachbereichen zugeordnet.
Die Abordnung der Azubis, die mit den Partnern der Ausbildungs-Offensive diskutierten, verfügen über die unterschiedlichsten Hintergründe: vom Hauptschulabschluss bis zum Abitur. Da ist Taner Yildrim. Nachdem er von der Hauptschule abgegangen war, stand er auf der Straße. Die Agentur für Arbeit vermittelte ihn in einen berufsvorbereitenden Lehrgang. "Das hat mir mehr geholfen als die Kurse in der Schule", berichtet Yildrim. Er lernte, eine ganz individuelle und passgenaue Bewerbung zu formulieren und wurde prompt bei Karstadt eingestellt.
Nadine Hübler ist Abiturientin und spricht von einem "Glücksfall". Sie hat gerade einmal zwei Bewerbungen abgeschickt - und schon konnte sie den Ausbildungsvertrag bei Karstadt unterschreiben.
Auf die Frage, ob sie mit der Ausbildung in den Arkaden zufrieden sind, nicken die jungen Leute nicht nur pflichtbewusst. Schritt für Schritt tasten sie sich im Laufe der Zeit an mehr Verantwortung heran: Ware auspacken, beim Kassieren zur Hand gehen, Ware aus dem Lager holen. "Es wird täglich mehr", beschreibt Hübler. Warenkunde gehört ebenso zur Ausbildung wie der Umgang mit Kunden.
Und die Azubis kommen gleich zu Beginn mit den erheblichen Ladenöffnungszeiten in Berührung. Auch sie arbeiten in zwei Schichten und dürfen rasch die Erfahrung machen, was es heißt, samstags bis 20 Uhr und zu Weihnachten bis 22 Uhr an den Regalen zu stehen. Geschäftsführer Gilbert Weigel sieht darin keinen Hemmschuh: "Das wissen die Jugendlichen, bevor sie sich bewerben."
Wer Karriere bei Karstadt machen will, von dem wird ein hohes Maß an Mobilität erwartet. Erste Kraft, Substitutin, Abteilungsleiterin - der Aufstieg ist sicherlich nicht nur an einem Ort möglich. Die Bereitschaft, mehrfach zwischen den 89 Standorten zu wechseln, wird vorausgesetzt. Weigel hat es für sich nachgehalten: Mülheim ist seine 15. Station.
www.karstadt.de Tel: 4 95 10

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