Möglichkeiten der Begegnung stiften

So ein Theaterprojekt wie Ruhrorter, das in diesen Tagen im ehemaligen Frauengefängnis zu sehen ist, kommt beim Theater an der Ruhr nicht aus dem Nichts, wie Sven Schlötcke von der künstlerischen Leitung im Kulturausschuss deutlich machte. Und er steckte noch einmal den Rahmen ab, in dem sich das Theater seit über 30 Jahren im Bereich Migration und Dialog der Kulturen bewegt. Zur Erinnerung: Da ist der frühe Kontakt nach Jugoslawien und Gordana Kosanović, der erste Star des Theaters an der Ruhr, die Kooperationen mit türkischen Theatern, die sich fast wie ein roter Faden durch die Geschichte des Ensembles ziehen, zuletzt Economania, das Romatheater Pralipe, das rund zehn Jahre lang von Roberto Ciulli gefördert wurde, und natürlich die Gastspiele, bei denen das Mülheimer Theater als Kulturbotschafter immer wieder Neuland betrat. Da ist es nur konsequent, wenn Flüchtlinge am Raffelberg freien Eintritt bekommen. Für die Flüchtlinge sei Theater ein Stück kulturelle und gesellschaftliche Teilhabe. Aus dieser Notwendigkeit habe sich das Theater auch entschlossen, bei den Weißen Nächten ein überwiegend „sprachfreies Programm“ zu konzipieren, damit auch die Flüchtlinge daran teilhaben können. Möglichkeiten der Begegnungen zu stiften, um Vorurteile, Projektionen und Ängste abzubauen, seien dabei wichtige Anliegen. Für Schlötcke ist es eine andere Form des Willkommenheißens.

Er erinnert auch an die jüngste Theaterlandschaft, die sich auch mit Diskussionsveranstaltungen mit dem Thema Flucht auseinandergesetzt habe. Einer der Teilnehmer war der ehemalige Bundesinnenminister Gerhart Rudolf Baum. Beeindruckend war zweierlei: Zum einen, dass Baum an die Flüchtlingswelle nach dem Krieg erinnert habe und mit selbstverständlichem Verantwortungsgefühl die Menschen aufgenommen worden seien und zum anderen habe er ihm ein kleines Büchlein zugesteckt: die allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948. Es lohne sich, die 30 Artikel und die Präambel noch einmal zu lesen. Man sehe, es ist schon alles erklärt worden.

Die Begegnung ist auch wichtig bei den Aufführungen im ehemaligen Frauengefängnis. Die Aufführungen beginnen mit einem intensiven Raumerlebnis. Durch den stockfinsteren Keller werden die Zuschauer zu mehreren Stationen geführt. Nach den teilweise beklemmenden Szenen, hören sie in einem Dokumentationsraum Erinnerungen von Beschäftigen, die in der Abschiebehaft tätig waren. Auf dem Hof spielen dann fünf Flüchtlinge. Eine richtige Handlung gibt es nicht. Vielmehr sind es Improvisationen zu elementaren Gefühlen, die mit Flucht, Angst und Hoffnung verknüpft sind. Die Freddy-Fischer-Stiftung honoriert das Ruhrorter-Projekt mit dem Solidaritätspreis, der mit 2000 Euro dotiert ist.

So viel ist klar: Auch wenn das an den kommenden beiden Wochenenden noch laufende Programm im ehemaligen Frauengefängnis der dritte Teil der Ruhrorter-Trilogie ist, so wird die Theaterarbeit mit Flüchtlingen weitergehen. Das versicherte im Kulturausschuss, Adem Köstereli, der das Projekt gemeinsam mit Wanja van Suntum und Jonas Tinius initiiert hat.