Mit Eppinghofer Platte wächst Innenstadt zusammen

„Wir treffen uns auf der Platte an der Säule.“ Das sagen Mülheimer oft, wenn sie sich verabreden. Sie meinen damit die Eppinghofer Platte und den Kurt-Schumacher-Platz. Seit 30 Jahren verbindet das Bauwerk die Fußgängerzone mit dem Einkaufszentrum und dem Hauptbahnhof in der nördlichen Stadtmitte. „Ein Meilenstein der Innenstadtentwicklung ist endlich fertig“, erklärt die damalige Oberbürgermeisterin Eleonore Güllenstern (SPD).

Sie durchschneidet mit Annemarie Renger (Bundestagsvizepräsidentin, SPD) das Eröffnungsband. Mit einem zweitägigen Stadtfest nehmen Bürger und Gäste ihre Platte in Besitz, während Autos darunter durch den Minitunnel fahren. Mehr als 100 000 Menschen drängen sich am zweiten Oktoberwochenende 1986 in der Fußgängerzone. „So viele waren in Mülheim noch nie zugleich in der City“, sind sich Besucher, Organisatoren und Verantwortliche einig.

Dabei fällt die Eröffnung fast ins Wasser. Die Wetterfrösche haben Regen angesagt. Noch schlimmer. Bis in die Nacht verlegen Pflasterer den bis heute umstrittenen Bodenbelag aus Italien, bepflanzen Stadtgärtner Kübel und Grünanlagen. Der Rest wird nach dem Fest aufgehübscht. Eine kluge Entscheidung. Bei den Besuchermassen geht so mancher Fehltritt in die Botanik, zeigt die – kalkulierte – erste Schadensbilanz.

Als gegen 11 Uhr ein Oldtimerkorso mit Ehrengästen durch das neue Loch fährt, warten oben auf der Platte schon die Massen. „Die Wolken reißen auf, die Sonne strahlt pünktlich zum Plattenfest“, steht in den Zeitungen. Alle City-Geschäfte haben an diesem Tag bis 18 Uhr geöffnet. Am Abend intonieren Jugendmusikschüler Händels Feuerwerksmusik zum funkelnden Spektakel am Abendhimmel. Am nächsten Tag spielt die Musik auf drei Bühnen in der erweiterten Fußgängerzone weiter, das Volk vergnügt sich.

Davor ertragen vor allem Anlieger 18 Monate lang Baulärm und Baustaub. Im Planungsausschuss und im Rat ringen Parteivertreter und Planer lange um Tunnel- und Gestaltungspläne. Der Wunsch, den Hans-Böckler-Platz direkt an die Schloßstraße anzuschließen, besteht bereits vor Eröffnung des City Centers – heute Forum – 1974. Wirklichkeit wird das Ziel, die verkehrsreiche Eppinghofer Straße zu überwinden, erst Jahre später. Da hat sie ihren Status als blühende Geschäftsmeile längst verloren und soll mit der Platte wiederbelebt werden – möglichst ohne Baublockaden.

Mehrere Großbaustellen haben die Anlieger nämlich dort erlebt. Vor 180 Jahren lässt Bürgermeister Christian Weuste den Feldweg in die Nachbargemeinde Eppinghofen zur Chaussee ausbauen. Matthias Kirchholtes hat ihn von „diesem wichtigen Projekt“ überzeugt. Der Braumeister und Gastwirt hat 1834 sein Ballhaus zwischen der heutigen Charlotten- und Eppinghofer Straße eröffnet und wünscht für seine „Gäste eine bequemere An- und Abreise“. Für die Straßenbahn verlegen Handwerker 1899 die ersten Gleise in der Eppinghofer. Später folgen mehrere Gleisbauten mit Abzweigen in die Schloß-, Hingberg- und Kaiserstraße. Mit dem Bau der Platte findet das „Aufwühlen“ in diesem Bereich vorerst ein Ende.

„Mülheim macht sich“

Der Tunnel bringt den durchgehenden Fußgängerbereich vom Hauptbahnhof bis zur Stadtmitte. In zwei Jahren soll er bis zur Ruhr reichen. Die Fahrtrichtung in der Schloss-Garage wird umgekehrt. Die Einfahrt befindet sich seit 30 Jahren unter der Platte. Dennoch ist für einige Mülheimer Autofahrer die Verkehrsführung in der Innenstadt noch nicht gut genug gelöst. Damals betrachten Verkehrsplaner die Plattenlösung als großen Wurf. Am 28. April 1986 wird im Tunnel Richtfest gefeiert.

Die Stadtspitze lobt: „Die Bürger identifizieren sich stark mit ihrer Stadt und dem neuen Platz.“ Einen Tag vor der Eröffnung sagen Passanten: „Mülheim macht sich“ und finden „die freie Übersicht und Gestaltung“ gut. Die Stadtsäule mit verschiedenen Darstellungen der Heimat kommt bei den Leuten gut an. Heute stehen Jugendliche davor und rätseln, was auf dem Bronzestück an ihrem Treffpunkt alles zu sehen ist.

Die „giftgrünen Käfige“ – gemeint sind die Klettergerüste – fallen dagegen bei den Erwachsenen durch. Der kräftige Anstrich hindert Kinder nicht am Klettern. Frauen und Senioren regen sich über die importierten, roten Huckelsteine auf: „Mit meinen Stöckelschuhen bleibe ich in diesen Steinen andauernd hängen, wäre fast schon gestürzt“, klagt eine Mülheimerin in der Zeitung. Der Beschwerdesturm der Trägerinnen spitzer Schuhe hält an. Das Tiefbauamt lässt die Fläche später nachbessern und neu verfugen. Rollatorfahrer sprechen heute von einer „holperigen Materstrecke“.

Der Kurt-Schumacher-Platz hat klar an „Aufenthaltsqualität gewonnen und das Zusammenwachsen der Innenstadt gefördert“, wie Stadtplaner einst begründen. Straßencafés beleben das Umfeld. Heute wünschen sich Bürger dort mehr Kontrollen, weil den Brunnenbereich oft Menschen in Beschlag nehmen, die am Rand der Gesellschaft leben.

Die Eppinghofer Platte gehört seit 30 Jahren zum Stadtbild. Nun diskutieren Politiker darüber, ob eine Neugestaltung der Fläche nötig ist.