Militärische Ordnung, aber auch viel Schönes

Als Kind litt ich sehr unter Keuchhusten. Alle paar Wochen lag ich zu Bett mit starken Hustenanfällen. 1951 – ich war neun Jahre alt – verordnete mir der Kinderarzt eine Kur im neu eröffneten Erholungsheim Keitum. Er war der Überzeugung, dass das Seeklima zur Heilung der Bronchitis beiträgt. Schweren Herzens entschieden sich meine Eltern für meinen Aufenthalt auf Sylt, denn ich war bis dahin noch nie für längere Zeit von zu Hause weg gewesen.

An einige Dinge kann ich mich noch erinnern: Wir schliefen mit mehreren Mädchen in einem Schlafsaal. Die älteren Mädchen mussten sich ein wenig um die kleineren kümmern, z.B. beim Anziehen. Zu Hause war ich ein schlechter Esser, in der Gemeinschaft schmeckte es mir immer gut. Jeden Tag ging es hinaus ans Meer, aber nicht zum Sonnenbaden – dazu war es nicht warm genug – sondern zu Spaziergängen am Strand. Vor dem Einschlafen überkam mich oft das Heimweh, und ich weinte still in mein Kissen.

Eines Tages war hoher Besuch angesagt: Stadtdirektor Bernhard Witthaus kam nach Keitum. Er begrüßte uns alle und hatte für jeden ein freundliches Wort. Nach sechs Wochen wurde ich herzlich von meinen Eltern am Bahnhof Mülheim begrüßt. Ich weiß, dass mir der Aufenthalt in Keitum gut getan hat, denn die Bronchitis war auskuriert.

Auch ich war mit zwölf Jahren im Kinderheim Keitum. Es ist sehr schade, dass so viele sich nur noch an die negativen Dinge im Heim erinnern. Natürlich gab es die „militärische Ordnung“ und den Zwang, an Gewicht zuzulegen. Jedoch gab es auch sehr viele schöne Dinge. Die Spielmöglichkeiten in den Außenanlagen genau so wie im Haus waren wunderbar. Es gab schöne Ausflüge, es wurde viel gesungen und auch gelacht. Nach unserer Ankunft hatten fast alle Kinder Heimweh. Doch nach sechs Wochen haben diese Kinder dann auch wieder geweint – weil sie noch nicht nach Hause wollten.