Maßlos, verstörend, überraschend unterhaltsam - Theater bei den Mülheimer Stücken

Nis-Momme Stockmann: „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ in der Inszenierung des Schauspiels Hannover bei den „Stücken 2013“
Nis-Momme Stockmann: „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ in der Inszenierung des Schauspiels Hannover bei den „Stücken 2013“
Foto: NRZ
Das Mammutwerk „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ beim Mülheimer „Stücke 2013“-Wettbewerb: Fünf Stunden lang dreht sich in dem Stück von Nis-Momme Stockmann alles um den "Alleskleber Geld", um unsere Gegenwart, um die Krise. So lange, bis der Protagonist grau, müde und heiser geworden ist.

Mülheim.. Fünf Stunden! Eine solche Spielzeit auf der Bühne mag man einem Shakespeare zubilligen oder aber einem Regisseur, der verwandte Stücke zusammenfügt, um das Event-Theater zu befeuern. Hier aber maßt sich ein junger Gegenwartsautor an, uns mit derart Monumentalem zu verstören. Bei den Inszenierungen im Wettbewerb der Mülheimer Theatertage ragt „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ von Nis-Momme Stockmann (31) wie ein Monolith heraus: Ein maßloses Trumm über unsere Gegenwart, geschrieben als Antwort auf die Maß- und Endlosigkeit von dem, was wir mit dem Begriff „Krise“ zu fassen versuchen.

Stockmann, Hausautor am Theater Frankfurt, hat etwas zu Papier gebracht, das in seiner Gedanken- und Themenfülle eigentlich als unspielbar eingestuft werden müsste. Regisseur Lars-Ole Walburg jedoch hat sich durch das mehrere hundert Seiten umfassende Ausgangsmaterial nicht entmutigen lassen. Das Ergebnis am Schauspiel Hannover ist in weiten Teilen überraschend unterhaltsam, was vor allem daran liegt, dass Walburg den roten Faden des Ganzen, einen namenlosen Ex-Banker, hier durch sämtliche Theaterformen führt. Und wenn man mal eine vergessen hat, dann wird aus einer Art Regie-Kran das Genre rechtzeitig angemahnt: „Wir brauchen noch ein Musical!“

Protagonist will auf eigene Faust Hyperinflation auslösen

Der Banker (ausdauernd: Hagen Oechel) ist ausgestiegen aus der Finanzwelt, hat sein Haus für 4,4 Millionen Euro verkauft und seine Frau verlassen. Nun lebt er in einer schäbigen Hochhauswohnung mit Blick auf das Frankfurter Bankenviertel, den Geldkoffer immer bei sich, und träumt seinen aussichtslosen Plan: Mit einer an sich lächerlichen Summe will er eine Hyperinflation auslösen und das System aus den Angeln heben. Stattdessen aber verliebt er sich, zerbröselt ihm sein Vermögen unter den Fingern, wird er von Panikattacken und Übelkeit heimgesucht, verwischt sich sein Feindbild. Dafür lernt er einen waffenvernarrten Hausmeister (stark: Aljoscha Stadelmann) kennen, der ihn mitnimmt in die Unterwelt der Stadt, wo seine bombigen Schätze ruhen.

Wo anfangen, wo aufhören, um diesen ausufernden Abend um den „Alleskleber Geld“ zu beschreiben? Die vielen Kinder sollte man unbedingt erwähnen, die in dieser Inszenierung bereits ganz die Alten sind, hinter dem Geld herlaufen, schlechtes Fernsehen als hohe Kunst konsumieren und aus Heftromanen zitieren, als seien es die großen Klassiker. Und die Tatsache, dass man selbst in der Pause als Zuschauer nicht unter sich bleibt: Im Foyer warten drei Banker in Rokoko-Kostümen beim Sushi-Dinner darauf, den mit Würstchen und Kartoffelsalat abgespeisten Besuchern zynisch klar zu machen, dass eigentlich sie die Opfer des ganzen Schlamassels sind. Dagegen kann auch unser Banker nicht mehr an. Grau und müde ist er geworden, seine Stimme heiser vom Aufbegehren. Und eigentlich ist es jetzt auch genug.