Manege frei für die Orestie

Der Mann strahlt. „Jetzt weiß ich, warum ich meine Tochter in den letzten Wochen kaum gesehen habe“, sagt er und schüttelt Bernhard Deutsch anerkennend die Hand. Das Lob kann der Theaterpädagoge nur an die acht Schauspieler und die Techniker weitergeben, denn fast alles haben die Jugendlichen selbst gemacht und mit der Orestie haben sie sich einen schwergewichtigen Brocken ausgesucht, für den sie eine passende Form gefunden haben. Nach der Premiere auf der Probebühne an der Ruhrorter Straße stellten die Jugendlichen im Alter von 17 bis 24 Jahren es nun auch einem größeren Publikum beim Unruhr-Festival in Dortmund vor. Die Reaktion war positiv, nur mit einigen Zeitsprüngen tat sich das junge Publikum schwer, was die Akteure nicht weiter irritieren sollte. Altmeister Roberto Ciulli hatte sie daran bestärkt, nicht allzu viel zu erklären und die Kunst des Weglassens empfohlen. Die Anstrengungen der letzten Wochen – geprobt wurde oft bis spät in die Nacht – haben sich jedenfalls gelohnt.

Einen eigenen Zugang zu dem Stoff zu finden, war allerdings nicht einfach. Sie haben viele Bearbeitungen des Themas gelesen, von Klassikern bis zur Moderne sie haben auch die vielfach gelobte Inszenierung von Simon Stone am Oberhausener Theater gesehen und schließlich eine eigene Idee gefunden, wie sie den 2500 Jahre alten Klassiker von Aischylos bändigen können. Auch mit ihrer eigenen Biografie haben sie sich beschäftigt. Von der Mutter unterdrückt und vom Vater verlassen fühlt sich jeder einmal.

Das Familiendrama als Zirkusnummer. Das hat durchaus Charme. Agamemnon als Direktor, der die Attraktionen nach einander in die Mange ruft, seine Frau Klytaimnestra als Raubtierdompteuse, die ganz in Schwarz wie eine Domina die Peitsche knallt, Elektra die fauchend und angespannt über den Boden kriecht und Orest schließlich, der den Clown gibt. Ägisth, der Liebhaber der Mutter, ist gestrichen, kommt nur kurz in einem kleinen Kabinettstückchen vor, das Manon Charrier als Chrysothemis, der zweite Tochter der Klytaimnestra, mit ihren Händen, die zu Puppen werden, vollführt. Auf der einen Seite die Mutter und auf der anderen Seite der Liebhaber beim Flirt.

Die arglose Iphigenie wird bei einem Zauberkunststück geopfert. Agamemnom nennt ihr einfach nicht das vereinbarte Stichworte und zerteilt sie mit dem Schwert. Als die Jugendlichen einmal den Rahmen gefunden hatten, ergab sich vieles ganz wie von selbst. Auch sprachlich ist das eine gute Lösung, denn so können sie einen realistischen Tonfall vermeiden, der schwieriger ist als das Anpreisen von Sensationen. Ihr Sprechen und Spielen ist aber erfreulich nuancenreich. Auch der Sprechworkshop mit Dagmar Geppert hat hörbar Früchte getragen. Und schließlich kommt der Humor nicht zu kurz - auch wenn er bei der Gesangsnummer „Schön war die Zeit“ etwas unfreiwillig war. Man fragt sich nur wie die Jugendlichen auf den alten Freddy-Quinn-Schlager kommen?

EURE FAVORITEN IN DIESER STUNDE