Märchenhaft und schonungslos wahr
06.09.2007 | 05:35 Uhr 2007-09-06T05:35:02+0200KULTUR. Das Theater Spätlese verkörpert als bankrotte Königsfamilie die Wechselfälle des ganz normalen Lebens.
Was ist mit dem Theater Spätlese los? So denkt der Premierengast, dem Ensembleleiter Eckhard Friedl erklärt, dass er jetzt ein Märchen zu sehen bekommt. Doch schnell wird deutlich, das Mülheimer Seniorentheater bleibt sich mit seiner Vorliebe für gesellschaftskritische Stoffe treu. Vordergründig geht es in "Hoffnungsbankrott oder letzte Hoffnung gute Fee" um eine Königsfamilie, die ihr Reich verloren hat. Da hängt nicht nur der Schloss-Segen schief und der Spiegel, vor dem sich die Königsfamilie so gerne repräsentativ ihren Untertanen zur Schau stellt. Doch wie gesagt, das Reich ist weg und das Gold in der Schatztruhe wird immer weniger.
Der gutbürgerliche Zuschauer sieht, auch bei Königs ist nicht alles Gold, was glänzt, und erkennt sich schon bald selbst in den Charakteren, die die Seniorschauspieler auf die Bühne bringen, wieder. Die Zeitungsleser Eva Stoldt und Ursula Vittinghoff, die in der Eingangsszene von Firmenpleiten berichten, deuten an: In diesem Stück geht es nicht um verarmten Adel, sondern um gesellschaftliche Umbrüche, die uns alle betreffen und zuweilen einen Rollenwechsel verlangen. Brillant wie Hannelore Peters und Alexej Radonjic mit starker Gestik, Mimik und Stimme den König geben, der erst stolz und später geknickt daher kommt, als er merkt, dass es für ihn nichts mehr zu regieren gibt, weil ohne Moos auch bei Hofe nichts los ist. Da hilft auch der trotzige Rat des süffisant von Günter Stelkens gespielten Kronprinzen wenig: "Wir dürfen uns den Untergang nicht anmerken lassen. Wir machen weiter wie bisher." Doch in der Krise hilft nur Umdenken und das Beschreiten neuer Wege. Hervorragend verkörpert wird dieser Rollenwechsel von Prinzessin Angela Pott. Erst beharrt sie auf ihrem Status und fragt wehleidig: "Warum soll ich die Drecksarbeit machen? Das ist ungerecht." Doch je weiter der Familienverfall voranschreitet, desto mehr entwickelt sie sich zur handfesten und tatkräftigen Frau, die schließlich ihren dahinvegetierenden Königsverwandten rät: "Tut endlich was. Man muss sich von alten Wünschen befreien, um frei zu sein für neue Wege."
So lassen uns die Spätleser in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit erkennen: Schon morgen können wir zum König ohne Land werden, der nur durch Rollenwechsel überlebt. Wie sagte es Märchenerzählerin Ursula Roth: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann hoffen sie noch heute."

0mitdiskutieren