Luthers Schattenseite

Saarn..  Die Provokation von Uwe Dieter Bleil bei „Kunst raus“ ist gewollt. Eine Darstellung, die auf den Antisemitismus Martin Luthers verweist, hat er direkt vor die Dorfkirche gestellt. Das regt zu erhitzten Gesprächen, eifrigem Nachschlagen an, führt aber auch zu Erkenntnissen. Pfarrer Albrecht Sippel, dem Initiator dieser Aktion, die unter dem Titel „Alles Luther“ steht, merkt man beim Vorab-Rundgang an, dass ihm eine solche Darstellung gar nicht so recht ist und er versucht, die antisemitschen Ausfälle des Reformators zu relativieren. Acht Künstler machen bei der Aktion mit, die am kommenden Samstag um 17 Uhr eröffnet ist. Die Kunstwerke, die an den klassischen Stationen aufgestellt wurden, sind bis zum 1. November zu sehen.

Es ist ein Portrait des jungen, grimmig dreinblickenden Martin Luther, von Lukas Cranach 1525 gemalt, das Uwe Dieter Bleil als Grundlage diente. Mit Kohle empfand er es nach und setzte daneben ein Schwein, das im Blut schwimmt. Luther habe dazu aufgerufen, Synagogen und Schriften zu verbrennen und habe die Menschen jüdischen Glaubens herabgewürdigt und diskriminiert, erklärt Bleil – vieles hat er gefordert, was später die Nazis dann in die Tat umgesetzt und sich dabei auch auf den Wittenberger berufen haben. Das Schwein ist für Menschen jüdischen Glaubens unrein und dient oft zur Schmähung. Bleil erinnert an die zahlreichen so genannten Judensäuen an Kirchenfassaden, unter anderem am Kölner und Xantener Dom und der Wittenberger Stadtkirche. Wenn man die Verdienste eines Menschen würdigt, muss man auch die Schattenseiten sehen, lautet Bleils Devise.

Kritikfrei scheint auch Vanessa Hötger Luther nicht zu sehen, ihre Arbeit hängt aber noch nicht. Der Flyer zeigt eine Darstellung Luthers im Schafsfell unter dem lateinischen Titel, der übersetzt lautet: „Unter der Haut eines Schafes verbirgt sich oft ein wölfischer Sinn.“

Und Peter Helmke? Er ist ohnehin das Enfant Terrible: Seine Tafel an der Düsseldorfer Straße hat er schwarz grundiert und plant zur Eröffnung eine Performance. Er hatte sich die 95 Thesen vorgenommen, war aber nur, wie er zugibt, bis zur 28. gelangt. „Das ist langweilig, sagt uns heute nichts mehr, ist einfach nicht mehr zeitgemäß“, sagt er. Auch Helmke möchte etwas an die Tafel anschlagen und etwas in die Welt schleudern. Sippel ist empört, findet, dass Helmke das Thema verfehlt hat, der spricht von Freiheit der Kunst. Am Ende will der Geistliche dem Künstler die bescheidene Aufwandsentschädigung vorenthalten. So kommt es fast zum Eklat. Aber die Situation scheint noch nicht endgültig geklärt.

Luther und Gutenberg, Reformation und Buchdruck gehören zusammen. Das nimmt Joachim Poths zum Ausgangspunkt für seine „Textarbeit“. In großen serifenlosen Lettern ist auf der flatternden Fahne einiges zu lesen von Blüten, Treue und Pastor Luhr. Das Mädchen auf dem Foto von Anja Strobel blickt forsch und herausfordernd auf den Betrachter. Ihre Botschaft hat ihr der Evangelist Matthäus in Schönschrift auf den Arm geschrieben: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht in das Himmelreich eingehen.“ Bei Helmut Kottkamp springt sofort der entschlossene Blick von Che ins Auge. Doch was hat Che Cuevara mit Luther zu tun? Beide waren auf ihre Weise revolutionär. Der eine revoltierte gegen die Macht aus Rom, der andere gegen die Unterdrückung in Lateinamerika. Die katholische Kirche spielte in beiden Fällen eine zentrale Rolle. Eberhard Ross und Helmut Koch machen auch mit.

Gerhard Ribbrock bleibt der Saarner Kunstaktion auch nach seiner Pensionierung treu. Er hält die Einführung am Gemeindesaal, Holunderstraße 5. Ein Rundgang steht auch am 23. August um 17 Uhr sowie zum Ende am 1. November auf dem Programm. Die finanzielle Unterstützung der Werbegemeinschaft und des Kulturbetriebs ermöglichte es, dass Flyer gedruckt werden. Außerdem wird auf Bannern auf die Kunstaktion aufmerksam gemacht, die seit 1992 jährlich wiederholt wird. „Für die teilnehmenden Künstler ist das ein großer Aufwand“, sagt Bleil.