Lokale Reformideen für die Pflege

Noten von sehr gut bis ungenügend. Damit werden nicht nur Leistungen in der Schule, sondern auch in der stationären und ambulanten Pflege bewertet. Das will der Pflegebeauftragte der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann, ändern, weil er das Notensystem angesichts einer Durchschnittsnote von 1,3 für die stationäre Pflege in Deutschland weder für transparent noch für aussagekräftig hält. Die vom Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) vergebenen Noten sollen spätestens bis 2018 durch kompakte und verständliche Prüfungsberichte ersetzt werden. Außerdem will Laumann künftig nicht nur Vertreter der Kostenträger und Anbieter, sondern auch der Patienten und Pflegekräfte als stimmberechtigte Mitglieder in die Prüfkommission holen, die Leistungen und Standards in der Pflege überprüft und festlegt.

Yvonne Fragemann, die in der Geschäftsführung der Mülheimer Seniorendienste das Pflegemanagement der städtischen Altheime Gracht, Auf dem Bruch und Kuhlendahl verantwortet und der Inhaber des ambulanten Pflegedienstes Pflege Zuhause, Martin Behmenburg, unterstützen die Grundrichtung.

„Ich kann eine Umstellung nur begrüßen, weil bisher nur die dokumentierten Pflegestandards und Mitarbeiterschulungen kontrolliert werden, die Mitarbeiter selbst aber gar nicht befragt werden, ob und wie die dokumentierte Pflege in der Realität umgesetzt worden ist“, kritisiert Fragemann, die früher selbst für den Medizinischen Dienst gearbeitet hat. „Wir müssen die von der Pflege Betroffenen zu Beteiligten machen“, fordert sie.

Der in der Mülheimer Dialogoffensive Pflege engagierte Martin Behmenburg sieht das aus seiner Perspektive als Inhaber eines Pflegedienstes auch so. „Wir brauchen einen partnerschaftlichen und angstfreien Ansatz in der Pflegeprüfung, die nicht nur auf die Dokumentation, sondern auch unter die Bettdecke schaut und dabei auch Pflegekräfte und Patienten befragt, um eine gute Qualität der Pflege zu sichern.“

Erste Probeläufe in der ambulanten Pflege machen ihn optimistisch, dass ein vom kommunalen Pflegemanagement getragener Prüfdienst genau diesen praxisorientierten Ansatz, „der weniger als Kontrolle und Bestrafung denn als Hilfe zur Verbesserung der Pflege erlebt wird“, verfolgen könnte. Behmenburg kann sich vorstellen, dass ein solcher lokaler Prüfdienst als Ergänzung des MDKs vielleicht schon ab 2016 starten könnte. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine Akkreditierung durch die federführende Knappschaft in Bochum.

Behmenburg und seine Mitstreiter in der Dialogoffensive Pflege wollen auch den Dialog mit dem Pflegebeauftragten der Bundesregierung suchen, um ihm ihre Gedanken für eine praktische und transparente Qualitätssicherung in der Pflege nahezubringen, um sie so vielleicht in den Reformprozess einfließen zu lassen.

Fragemann und Behmenburg, die mehr gesellschaftliche und auch finanzielle Anerkennung für den anspruchsvollen Pflegeberuf einfordern, weisen darauf hin, dass sie die Mitarbeiter in ihrem Verantwortungsbereich schon heute von überflüssiger Bürokratie entlasten, in dem sie die Dokumentationspflicht auf konkrete Anforderungen und Probleme begrenzen, die sich im individuellen Pflegefall, aus der täglichen Praxis heraus ergeben. Fragemann glaubt ohnehin, dass konkrete Faktoren, wie „Einzelzimmer oder Nähe zum Wohnort und zu den Kindern“ am Ende eher über die Wahl eines Altenheimplatzes entscheiden, als scheinbar gute Pflegenoten.