Leidenschaftliches Plädoyer für den Nahverkehr

Leidenschaft war auch bisher schon in der Diskussion über die Zukunft des öffentlichen Nahverkehrs zu spüren. Die Fronten in der Debatte darüber,wie das Defizitproblem der MVG gelöst werden kann, sind klar: Auf der einen Seite stehen die Verfechter des bewährten Modells und auf der anderen diejenigen, die auf die Schiene verzichten und nur auf den Bus setzen wollen. Diese Zukunftsdebatte wird auch in Oberhausen geführt: Allerdings ist man dort schon einen Schritt weiter: Am 8. März entscheidet dort ein Ratsbürgerentscheid über die Zukunft der Straßenbahnlinie 105. Sie soll nach dem Willen des Oberhausener Nahverkehrunternehmens Stoag von Essen bis nach Oberhausen reichen. Es herrscht also dort Wahlkampf und in dem wurde nun ein leidenschaftlicher Akzent gesetzt,der vielleicht auch die Mülheimer Debatte beleben könnte. Zumal die SPD hier einen ähnlichen Entscheid anstrebt.

Die Stoag hat für ihre Kampagne den Begriff Nahverkehr wörtlich genommen: In einem Werbespot wird gezeigt, wie eine Frau und ein Mann sich nahe kommen und zwar sehr intim. Doch plötzlich geht das Licht an und ein Schaffner steht im Schlafzimmer: Der Verkehr ist unterbrochen.

Der Clip ist noch nicht einmal eine Minute lang, die Wirkung ist groß: In den überregionalen Zeitungen war er schon genauso Thema wie im Fernsehen - und natürlich im Netz: Schließlich wirbt die Stoag auch längst- bei Facebook und auf einer eigenen Homepage dafür. Die Botschaft: Die 105 garantiere einen „reibungslosen Verkehr“ zwischen Essen und Oberhausen. Das Unternehmen weist auch den Vorwurf des Sexismus zurück. Man wolle auf diese Weise vielmehr auch junge Leute für das Thema interessieren.

„Ich finde alles, was die Diskussion belebt, ist auch gut“, meint der SPD-Fraktionsvorsitzende Dieter Wiechering. Die Sozialdemokraten sind es ja, die auch so einen Ratsbürgerentscheid für Mülheim fordern. Wiechering würde sich daher freuen, wenn es im Umfeld einer solchen Abstimmung dann auch Beiträge gebe, die die Menschen anstoßen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und warum sollen die nicht auch einmal witzig und kreativ sein? Wiechering kann sich daran erinnern, dass auch schon in den 70er Jahren mit nackter Haut für politische Inhalte geworben worden sei. Damals habe Klimbim-Ulknudel Ingrid Steeger dazu aufgefordert, Willy zu wählen.

Eine ähnliche Ansicht vertritt auch der verkehrspolitische Sprecher der Grünen, Axel Hercher. „Ich kann auch verstehen, dass sich einige an so einem Spot stören. Aber so sollen vor allem auch junge Leute angesprochen werden. Es ist gut, wenn die so dazu aufgefordert werden, sich an der Diskussion zu beteiligen.“

Und wie sieht es bei der MVG aus, wird dort schon an einem Drehbuch geschrieben? „Wir setzen auf andere Werbemittel. Das überzeugendste Argument ist 30 Meter lang und ab Mai in Mülheim unterwegs. Ich spreche von einer Straßenbahn des Typs NS 2“, betont Unternehmenssprecher Nils Hoffmann. „Unsere Devise ist klar: Wir brauchen neue Straßenbahnen.“ Für diese Position werde man eintreten. Ob es aber zu einem Ratsbürgerentscheid wie in Oberhausen komme, müsse die Politik entscheiden. Würde es tatsächlich dazu kommen,sei das Unternehmen auch kampagnenfähig. „Es ist gut, wenn es gelingt, auch junge Fahrgäste durch solche Spots anzusprechen. In erster Linie aber überzeugen wir durch gute Dienstleistung.“