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Leiden unter Inkontinenz muss nicht sein

22.06.2012 | 09:00 Uhr
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Leiden unter Inkontinenz muss nicht sein
Prof. Tim Schneider beim Medizinforum: Er arbeitet in der Praxisklinik Urologie Rhein/Ruhr in Mülheim

Mülheim. Viele Leiden rauben die Lebensqualität. Inkontinenz gehört dazu. Dr. Andrea Schmidt, Chefärztin der Frauenklinik am Evangelischen Krankenhaus, berichtet von Geschichten wie diese: „Betroffenen Patienten erzählen mir, dass sie beim Einkaufen ihren Weg durch Städte stets so ausrichten, dass sie immer eine Toilette in der Nähe haben.“

Andere trauen sich gar nicht mehr oder nur noch sehr selten aus dem Haus, treffen sich kaum noch mit Freunden. Blasen- wie auch Stuhlinkontinenz belasten enorm. Und, so Andrea Schmidt, viele schwiegen. Ein Tabuthema, ein Thema, das mit viel Scham verbunden ist.

Ein falscher Weg: „Reden Sie darüber!“ rät die Chefärztin Frauen wie Männern. Keiner müsse dieses Leid still ertragen. Es gibt Therapien, viele sogar, und sie haben oft eine hohe Erfolgsquote.

Beim WAZ-Medizinforum im Evangelischen Krankenhaus war der große Saal gut besetzt. Das Thema Inkontinenz betrifft sehr viele. Es sind Millionen. An die 40 Prozent der Frauen über 50 leiden unter einer Belastungsinkontinenz. Schwangerschaft, schwaches Bindegewebe, hormonelle Störungen, Nervenschädigungen, Operationen – die Ursachen sind vielfältig wie das Ausmaß der Inkontinenz. In den Drogeriemärkten wächst das Angebot an Vorlagen und Windeln – ein Zeichen für den Bedarf. Gut eine Milliarde Euro werden jährlich für Hilfen ausgegeben. In den Altenheimen fällt die Summe noch größer aus.

Viele Betroffene trinken weniger

Viele Menschen reagieren auf die Inkontinenz mit weniger Trinken. Gerade das sei verkehrt, verschärfe eher das Problem. Ein gutes Beckenbodentraining unter Anleitung gelte dagegen als gute Therapie, sagt die Frauenärztin. Es gibt eine Vielzahl von hilfreichen Medikamenten, die auf Rezeptoren in der Blase wirken. Noch größer ist die Erfolgsquote durch ein kleines Bändchen, das spannungsfrei unter die Harnröhre gelegt wird. Dies erfolgt durch einen minimal-invasiven Eingriff.

Der Appell der Mediziner bei Inkontinenz ist eindeutig: Sprechen Sie darüber! Inkontinenz-Sprechestunden bietet das Krankenhaus an. Ultraschall, Blasendruckmessungen gehören zur Diagnose. Viel wert ist allerdings schon ein Miktionsprotokoll, betont der Urologe Prof. Tim Schneider. Damit führe der Patient für einige Tage Protokoll über das Wasserlassen und die Mengen.

Schneider referierte über die Reizblase, den ständigen Harndrang. Aber wo fängt das Leid an, was ist normal? Bis zu acht Mal Wasserlassen innerhalb von 24 Stunden wird noch als normal eingestuft. Ob und wann Medikamente genommen werden müssen, entscheide vor allem auch der Patient. „Ich frage stets: Stört Sie das häufige zur Toilette gehen?“ Wenn nicht, gebe ich erstmal auch kein Medikament, sagt Schneider.

Als Medikament steht den Urologen inzwischen Botox zur Verfügung, was auch als Schönheitsmittel zur Faltenglättung bekannt ist. Es wird in der Urologie an verschiedene Stellen in die Blasenmuskulatur injiziert. Der Eingriff erfolgt unter Narkose. Die Blasenmuskulatur entspannt, Urin kann länger gehalten werden, der Harndrang nimmt ab. Seine volle Wirkung entfaltet diese Therapie aber erst nach einigen Tagen, so Schneider.

Zuverlässige Verfahren

Nicht weniger belastend ist die Stuhlinkontinenz. Auch hier, so Prof. Heinz-Jochen Gassel, Chefarzt der Chirurgie , könnten die Ärzte auf gute, zuverlässige Verfahren zurückgreifen. Und auch hier gilt: Ein Beckenbodentraining kann „der Schlüssel zum Erfolg“ sein. Die Elektrostimulation des Anus ist eine weitere Therapie sowie die künstliche Verengung des Darmausganges mit körpereigenem Fett oder Kollagen.

Sogar eine Art Schrittmacher gibt es, um Stuhlinkontinenz zu beheben: die sogenannte Sakral-Nervenstimulation: Der Schrittmacher wird im Unterbauch implantiert und gibt über eine Elektrode leichte elektrische Impulse an die Sakralnerven ab. So wird die natürliche Funktionalität des Darms wiederhergestellt. Die Chirurgen können letztlich in Feinarbeit den Schließmuskel reparieren. Die Behandlung der Stuhlinkontinenz, so Gassel, sei oft sehr aufwendig und erfordere von beiden Seiten Geduld.

Sprechstunden bei Inkontinenz

Frauenklinik: Dr. Andrea Schmidt, Terminvereinbarung unter 309-2505 oder -2506

Chirurgische Klinik (Stuhlinkontinenz): Dr. Arutyun Arutyunyan, Termin unter: 309-2430, -2431 oder -2436

PUR/R: Prof. Dr. Tim Schneider, Sprechstunden nach Vereinbarung: 94 06 79 00

Andreas Heinrich

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